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Netzwoche 03/2018

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18 People Live «

18 People Live « Gelingt die Migration eines aufwändigen Projekts, ist der Rest plötzlich einfach » Bevor Glenn Gore am Worldwebforum in Zürich die Bühne betrat, haben ihn die Organisatoren als «Brain behind the Amazon Cloud» angekündigt. Die Redaktion sprach mit dem Chefarchitekten der Amazon Web Services (AWS) über Techies, Cloud-Migrationen und die Angst vor Veränderung. Interview: Marcel Urech Sie sind Chief Architect bei AWS. Was für Aufgaben haben Sie? Glenn Gore: Ich berate weltweit Kunden zu Strategien, App-Designs und Cloud-Migrationen. AWS bietet dafür das Well-Architected-Framework an. Es zeigt Best Practices auf und hilft, Infrastrukturen für Anwendungen zu schaffen. Einige Themen sind dabei besonders wichtig, etwa IT-Sicherheit, Betrieb, Kosten und Verfügbarkeit. Wie oft treffen Sie Kunden? Jede Woche auf meinen Reisen. Es ist für mich wichtig, dass ich nahe an den Kunden dran bin. Ich will ihnen erklären, warum AWS für sie sinnvoll ist. Viele Kunden starten mit einem Pilotprojekt. Sie erkennen dann meist schnell, was die Cloud für Vorteile bietet und fragen mich, wie sie die nächsten 100 Applikationen migrieren können. Was raten Sie Kunden, die in die Cloud wollen? Es einfach mal zu testen und zu experimentieren. Am besten wählt man einen Workload aus, migriert diesen und sammelt erste Erfahrungen. Die Kunden finden so heraus, was für Herausforderungen es gibt. Sie merken dann zum Beispiel, dass sie ihre Vorgaben für IT-Sicherheit anpassen müssen oder auch die Art und Weise, wie sie ihre Daten verschlüsseln. Am Worldwebforum sagten Sie, dass Unternehmen beim Umzug in die Cloud am besten mit dem schwierigsten Projekt starten. Warum? Wenn Firmen in die Cloud wollen, gibt es oft viele Hindernisse. Die Risk- und Compliance-Manager sind alarmiert, der Chief Security Officer sieht die Sicherheit in Gefahr und sogar die IT-Abteilung spricht Warnungen aus. Wer mit einem einfachen Projekt startet, kann kaum erkennen, was davon gerechtfertigt ist. Ich empfehle darum, mit etwas Komplexem zu beginnen. Das zwingt Unternehmen dazu, die Ängste ernst zu nehmen und sich tiefgründig mit der Cloud auseinanderzusetzen. Gelingt die Migration eines aufwändigen Projekts, ist der Rest plötzlich einfach. Dieser Ansatz bedeutet mehr Arbeit. Er hilft Unternehmen aber auch, ihre IT-Landschaft mit all ihren Herausforderungen besser zu verstehen. « Schweizer Unternehmen sprechen verhältnismässig wenig über ihre Erfolge und treten eher bescheiden auf. » Glenn Gore, Chefarchitekt von AWS i ZUR PERSON Glenn Gore verantwortet als Chief Architect bei Amazon Web Services (AWS) die technische Weiterentwicklung der Amazon-Cloud. Davor war er Head of Architecture für die EMEA-Region und Asien-Pazifik bei AWS. Gore hat über 20 Jahre Erfahrung in der Tech-Indus trie. Vor seiner Zeit bei AWS war er CTO von Webcentral, wo er hochskalierbare Webplattformen und Big-Data-Systeme entwickelte. Gore war auch für die Internet-Service-Provider Ozemail und Uunet aktiv. Er arbeitete in Führungspositionen für Kunden wie Facebook, Twitter und Nasa und beteiligte sich am Hadron-Super- Collider-Projekt. Welche Probleme treten bei Cloud-Migrationen oft auf? Wer Apps virtualisiert und lokal laufen lässt, macht das oft statisch. Auf AWS ist es aber sinnvoller, Workloads elastisch zu betreiben. So ist es zum Beispiel möglich, dass man an einem Montag weniger Ressourcen braucht als an einem Sonntag. AWS verrechnet seine Dienste im Modell Pay-as-you-go. In der On-Premise-Welt ist das anders. Sie ist meistens auf maximale Nutzung der Infrastruktur und 100 Prozent Last ausgelegt. Immer mehr Innovationen geschehen in der Cloud. Wird diese Entwicklung so weitergehen? Ja, auch bei AWS. 2016 gab es 1017 signifikante neue Features und Services von AWS, 2017 über 1400. Wir haben mehrere Millionen Kunden und erhalten sehr viele Rückmeldungen und Wünsche von ihnen. Das schafft Innovationen, die noch mehr Kunden anziehen. Diese Dynamik wird nicht abbrechen. Am Worldwebforum sagten Sie auch, dass Firmen, welche die Cloud nicht nutzen, gegen die Schwerkraft ankämpfen. Was ist mit Unternehmen, denen es gesetzlich verboten ist, die Cloud zu nutzen? Solche Fälle sind selten. Die Regulatoren verbieten die Cloud meist nur für gewisse Bereiche, etwa für Personen- oder Finanzdaten. Mit anderen Workloads können Unternehmen sehr wohl in die Cloud. Etwa mit Entwickler- und Testing-Umgebungen, Data- Analytics-Lösungen oder Mobile-Apps. Die Finanz- und Versicherungsindustrie ist einer der grössten Nutzer der Cloud – obwohl sie stark reguliert ist. Regulierungen sind heute keine Ausrede mehr, um nicht in die Cloud zu gehen. Es gibt immer Workloads, die Unternehmen in die Cloud verfrachten können. 03 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 19 Glenn Gore, Chefarchitekt von AWS. Unternehmen nahmen IT lange bloss als Cost Center wahr. Nun haben sie gemerkt, dass die IT auch viele Innovationen ermöglicht. Was kann AWS dazu beitragen? AWS ermöglicht es, solche Innovationen zu schaffen. Unser Angebot ermächtigt Unternehmen, schneller auf Veränderungen zu reagieren, Anwendungen sicherer zu machen und sie öfters zu aktualisieren. Das erhöht die Agilität und verringert die Bürokratie. So entstehen Technologien, die Firmen voranbringen. Die IT wird zum Enabler für das Business. Techies und Unternehmer rücken näher zusammen – und beide profitieren. Wenn man Entwicklern Freiheiten und die richtigen Technologien in die Hand gibt, erlangen sie schon fast Superkräfte. Wie meinen Sie das? Moderne Cloud-Technologien nehmen Entwicklern viel Arbeit ab. Sie haben plötzlich Zeit, sich auch über das Business Gedanken zu machen. Und sie können sich auf das konzentrieren, was für sie wichtig ist. Viele Dinge, die Techies belasten, fallen in der Cloud weg. Sie müssen sich keine Gedanken mehr darüber machen, wie sie ein Rechenzentrum betreiben, welche Kabel sie nutzen oder wie sie Server kühlen. Das ist befreiend und setzt Kräfte frei, die Unternehmen weiterbringen. Welche Tipps können Sie Entwicklern geben? Es gab noch nie eine bessere Zeit, um Entwickler zu sein. Auch wenn sich ihr Umfeld schneller verändert als je zuvor. Entwickler sollten sich mit Microservices und A/B- Testing auseinandersetzen. Auch sollten sie mehr experimentieren, stärker auf die Auswertung von Daten setzen und sich mit Continuous Integration and Continuous Deployment befassen. Und sie müssen lernen, agil mit Veränderungen umzugehen. Was raten Sie Schweizer CIOs, um in der schnelllebigen Branche nicht den Anschluss zu verlieren? Mehr zu experimentieren, vor allem mit neuen Technologien. Denn nicht alle Technologien passen zu jedem Unternehmen. Um herauszufinden, was in einem Betrieb sinnvoll ist, sind Experimente unerlässlich. Können Sie dafür ein Beispiel nennen? Devops. Wenn Firmen agil sein wollen, müssen sie zuerst die Kultur und Organisation ändern, erst dann die Technologien. Es lohnt sich, mit Experimenten zu beginnen. Das Gleiche gilt für Serverless-Technologien und den Ersatz von Monolithen durch schlanke Microservices. CIOs sollten sich überlegen, mit welchen Experimenten sie starten können, um ihr Unternehmen zu transformieren. Die Angst vor Veränderung kann leider dazu führen, eine Machbarkeitsstudie nach der anderen zu machen – während die Konkurrenz an einem vorbeizieht. Unternehmen verlieren so auch an Attraktivität für Talente auf dem Arbeitsmarkt. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 03 / 2018

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