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Netzwoche 03/2018

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26 Web Titelgeschichte

26 Web Titelgeschichte « Schweizer Games «Das technologische und kreative Fundament in der Schweiz ist solide», ist Chris Solarski, Manager der International Game Developers Association (IGDA) Switzerland Chapter, überzeugt. Unternehmen wie Facebook, Disney und Magic Leap zeigten ernsthaftes Interesse an der Schweizer Game-Szene, vor allem was die Forschung betreffe. Im Ausland scheint sich der Begriff «Swiss Games» langsam als Marke zu etablieren. «Schweizer Games sind fast schon wie Schweizer Käse», sagt Zumbühl von Blindflug Studios. Dass Schweizer ihre Videospiele auf dem internationalen Parkett vermarkten und verkaufen können, beweist Stray Fawn Studio. Das Start-up hat auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter zwei Mal rund 75 000 Franken eingeholt, um die Entwicklung der Spiele «Niche» und «Nimbatus» zu finanzieren. Aber wenn «Swiss Games» eine Marke ist, weshalb sind hiesige Videospiele nicht beliebter und lukrativer? Etwa weil die Projekte zu klein und fragmentiert sind? Weil es nur ein einziges grosses Studio in der Schweiz gibt, nämlich Giants? Genau das vermutet Zumbühl von Blindflug Studios. Er wünscht sich viele Projekte, bei denen mehr als nur fünf Entwickler an einem Strang ziehen. So einfach sei das allerdings nicht. Wer in der Schweiz ein Game entwickeln wolle, müsse im Verhältnis zu anderen Ländern viel Geld in die Hand nehmen. Das ist eine oft gehörte Klage der Game-Designer: Die Arbeits- und Lebenskosten in der Schweiz seien zu hoch. «Dass sich die Schweizer Entwicklerszene aus eigener Kraft zu einer richtigen Game-Industrie aufschwingt, ist ein Ding der Unmöglichkeit», sagt Zumbühl. Aber kann und muss die Schweizer Game-Branche überhaupt weiterwachsen? Ist die derzeitige Videospiel-Landschaft nicht gross genug? Mehrere Entwickler sagen, dass die Branche wesentlich bedeutender sein könnte. Sie behaupten, die Schweiz verschenke viel Potenzial – und viel Geld. Skandinavische Länder wie Finnland machen es angeblich vor. Der Staat habe dort die Game-Produktion gezielt gefördert. Bereits 2012 generierten finnische Games 250 Millionen Euro Umsatz, wie das Aussenministerium Finnlands mitteilt. Das ist im Vergleich zur Schweiz in der Tat ein anderes Kaliber. Öffentliche Förderung – ja oder nein? Der Wunsch vieler Game-Entwickler ist klar und wenig überraschend: Sie wollen mehr Geld – komme es nun vom Staat, von Investoren oder von Stiftungen. Der Branchenverband SGDA will die Politik in die Pflicht nehmen. «Bisher wurden Games im politischen Alltag oder in politischen Strategien nicht berücksichtigt oder sind gar ausgeschlossen», sagt Verbandspräsident Sala. Aber vielleicht krankt die Game-Branche gar nicht an fehlender Förderung. Vielleicht fehlt ihr eher ein gesunder Geschäftssinn. Das zumindest meint Basil Weber, CEO des Schaffhauser Erfolgsstudios Urban Games. «Nichts gegen öffentliche Fördergelder», sagt Weber. «Aber die Erfolgskriterien dafür sind nicht die gleichen wie am eigentlichen Markt. Und dieser bietet selbst ja auch viele Möglichkeiten für kleine Entwickler.» Er denkt dabei an Crowdfunding- Plattformen wie Kickstarter. Webers Plädoyer: Weniger Experimente, mehr Business. Zumindest bis ein Studio am Markt etabliert sei. Schweizer Videospiele sind bereits erfolgreich. Aber im europäischen Vergleich könnten und sollten sie erfolgreicher sein, da sind sich die Entwickler einig. Wie der Weg zum Erfolg aussieht, ist eine andere Frage. Dieses Jahr organisiert Pro Helvetia gleich zwei Ausschreibungen für Game-Projekte. Und der Bundesrat äussert sich zur Branche. Vielleicht kommt dadurch eine öffentliche Debatte in Gang – über die versteckte Game-Welt Schweiz, ihr Potential, über ihre Sorgen und Hoffnungen. (v. l.) Der «Landwirtschaftssimulator», «Transport Fever» und «First Strike: Final Hour» gehören zu den erfolgreichsten Spielen aus der Schweiz. sind fast schon wie Schweizer Käse. » Moritz Zumbühl, CEO von Blindflug Studios 03 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Web Titelgeschichte 27 « Europa zieht der Schweizer Game- Branche davon » Philomena Schwab ist eine Zürcher Videospiel-Designerin mit internationaler Ausstrahlung. Ihr Strategiespiel «Niche» hat sich weltweit fast 75 000 Mal verkauft. Nicht alle Schweizer Entwickler haben so viel Erfolg. Im Interview erklärt die Chefin von Stray Fawn Studio, was nötig ist, um das Potenzial der hiesigen Game-Branche voll auszuschöpfen. Interview: Simon Mathis « Game-Designer müssen besser auf die Geschäftswelt vorbereitet werden. » Philomena Schwab, Mitgründerin und CEO von Stray Fawn Studio Wie steht es um die Game-Entwickler in der Schweiz? Philomena Schwab: Ich hoffe, 2018 wird ein Boom-Jahr für die Branche. Die Zeichen stehen gut. Die Situation in der Schweiz verbessert sich schrittweise. Neue Studios gesellen sich dazu, und bereits bestehende Start-ups wachsen. In diesem Jahr stellt Pro Helvetia doppelt so viele Fördergelder für Videospiele zur Verfügung als sonst. Das stimmt zuversichtlich. Wie wichtig ist die Förderung durch Pro Helvetia? Sie ist essenziell. Auch mein Spiel «Niche» unterstützte Pro Helvetia mit 25 000 Franken. Das klingt nach wenig, aber ohne dieses Geld hätte ich das Spiel nicht fertigstellen können. Junge Game-Entwickler brauchen nicht viel, um ein solides Projekt auf die Beine zu stellen. Projektförderung ist das A und O. Schweizer Game-Entwickler brauchen unbedingt mehr wirtschaftliche Förderung. Aber mit diesem Anliegen stossen wir bei der Politik meistens auf taube Ohren. Wird 2018 wirklich den ersehnten Umschwung bringen? Ich kann es nur hoffen. Aber ehrlich gesagt geht mir das alles zu langsam. Europa zieht davon. Vor allem die nordischen Länder wie Finnland drohen uns abzuhängen. Je länger die Politik zögert, desto schwieriger wird es, die Konkurrenz aufzuholen. Jetzt haben wir noch die Chance dazu. Wir müssen sie ergreifen, bevor es zu spät ist! Wie gesagt: Es braucht so wenig. Und wir müssen so viel machen, um so wenig zu bekommen. Das ärgert mich. Wahrscheinlich hält es nicht alle Game Designer in der Schweiz. Nein, leider nicht. Schon mehrere Studios haben eine Zweigstelle in den USA eröffnet. Zum Glück haben sie jeweils noch eine Niederlassung in der Schweiz. Auch Studenten zieht es zuweilen ins Ausland. Weil es in der Schweiz schlicht zu wenige Jobs gibt. Fast die Hälfte eines Jahrgangs im Studienfach Game Design landet in berufsverwandten Feldern. Ist das denn so schlimm? Nein. Das ist völlig okay, wenn es ihnen Spass macht. Aber es ist schade, dass nicht alle Abgänger die Gelegenheit haben, Games zu entwickeln. Es ist nach wie vor schwierig, den Sprung vom Studium zum Unternehmen zu machen. Game Designer müssen besser auf die Geschäftswelt vorbereitet werden. Was können Entwickler von Giants Software lernen, dem erfolgreichsten Schweizer Game-Studio? Giants hat mit dem «Landwirtschaftssimulator» eine Nische gefunden, von der niemand dachte, dass es sie überhaupt gibt. Dazu gehört Glück. Aber sie haben super darauf aufgebaut. Giants holt die Bedürfnisse seiner Fans gut ab, geht stark auf Feedback ein. Die Konkurrenz hat es schwer, einen Entwickler einzuholen, der sein Spiel über Jahre hinweg Schritt für Schritt optimiert hat. Um Glück zu haben, muss man auch etwas wagen. Ja. Die Schweizer Angst vor dem Scheitern nervt mich unglaublich. Wenn du in der Schweiz einmal etwas nicht auf die Reihe bekommst, reden gleich alle im Dorf darüber: «Der Sohn meiner Nachbarin hat sein ganzes Geld verjubelt, nur um ein Game zu machen» (lacht). Das führt dazu, dass sich kaum einer getraut, sein eigenes Ding durchzuziehen. Was wünschen Sie der Schweizer Game-Branche? Wer leidenschaftlich gerne Videospiele gestaltet, soll in der Schweiz die Gelegenheit dazu bekommen. Unsere Game-Designer sind so talentiert! Deshalb stimmt es mich traurig, dass sie oft etwas ganz anderes machen müssen. Ich bin sicher, dass uns schon einige Megahits durch die Lappen gingen, nur weil sie in der Prototyp-Phase keinen finanziellen Zustupf erhielten. Unsere Industrie ist nicht gross, aber sie hat riesiges Potenzial. Wir sind innovativ und bestens ausgebildet. Darauf können, müssen und werden wir aufbauen. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 03 / 2018

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