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Netzwoche 04/2021

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54 Products Hintergrund

54 Products Hintergrund Corona und die Zukunft von Extended Reality Während der Coronakrise haben viele Technologien einen Boom erlebt, darunter Virtual, Mixed und Augmented Reality. Obwohl VR, MR und AR noch nicht in der Masse angekommen sind, zeigen interessante Projekte deren Nutzen auf und wie die Zukunft aussehen könnte. Autor: Fabian Kindle Bandara entwickelte etwa eine virtuelle Messe für den ICT- Dienstleister Ingram Micro. Die Besucher bewegten sich dabei mit einem 3-D-Avatar durch die virtuellen Räume und entdeckten dabei die Produkte. Lockdown, Homeoffice und Social Distancing haben während Corona die Adoption von Technologien befeuert, die das Arbeiten aus der Ferne ermöglichen. Zudem stieg die Nachfrage nach Freizeitbeschäftigungen für daheim. Extended-Reality-Technologien (XR), also Augmented-, Mixed- und Virtual-Reality (AR, MR, VR), decken beide Felder ab. Der Boom in diesem Bereich ist also kaum verwunderlich. So schätzte Marktforscher Superdata ein Umsatzwachstum von 600 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr. Andererseits hat Corona viele Firmen auch hart getroffen, und trotz des Booms haben sich XR-Technologien in der Breite noch nicht durchgesetzt. Vier Schweizer XR-Entwickler und ein XR-Forscher erzählen, wie sie das Corona- Jahr erlebten, welche Projekte von der Pandemie beflügelt wurden und wie die Zukunft der XR-Technologien aussieht. Schweizer XR-Entwickler und Corona Auch XR-Entwickler erlebten Einschnitte aufgrund der Krise. So wurden etwa beim VR-/AR-Dienstleister Bandara, wie bei anderen Schweizer Unternehmen, Budgets gestrichen, wie Daniel Gremli, Co-Founder des Unternehmens, sagt. Zudem werde bei vielen XR-Anwendungen ein physischer Raum benötigt, erklärt Philip Eggenberger, Managing Director und Gründer von Staay. Den Kunden biete man solche Räume speziell für Events an, die aber aufgrund der Pandemie abgesagt worden seien, sagt Eggenberger. «Entsprechend leiden wir hauptsächlich daran, dass die Öffentlichkeit gar nie zu sehen bekommt, was wir im XR-Bereich geschaffen haben.» Gleichzeitig spürten viele Unternehmen aber auch den Corona-Boom. So fehlten auf der einen Seite Events, um Projekte vorzustellen, auf der anderen Seite kamen dafür Anfragen für Projekte, die Events und Messen auf digitale Weise ersetzen sollten. Bandara verzeichnete zusätzliche Anfragen in diesem Bereich, denn viele Unternehmen hätten sich überlegt, wie sie ihre Produkte im digitalen Raum präsentieren könnten, sagt Gremli von Bandara. Auch Bitforge habe eine deutliche Zunahme in diesem Bereich bemerkt, sagt Reto Senn, Head of AR Products und Partner des Unternehmens. Die Anfragen für AR-Lösungen stiegen bei der Digitalagentur Bitforge ausserdem auch in den Bereichen Bildung, Museum und E-Commerce. «AR-Projekte sind nicht mehr nur ‹lustige› Prototypen, sondern haben einen klar messbaren Nutzen», sagt Senn. Wenn die Konsumenten nicht in die Geschäfte dürften, könnten sie sich Produkte immerhin im virtuellen Raum ansehen. Dafür brauche es mittlerweile nicht einmal mehr eine App. Zudem habe das Interesse an AR-Lösungen im industriellen Bereich zugenommen. Hier seien vor allem die Themen Fernwartung und Schulungen auf Interesse gestossen. Denn auch in Zeiten von Reiseverboten und Social Distancing müssten Anleitungen für Servicetechniker und Reparaturen möglichst exakt weitergegeben werden, erklärt Senn. Auch Patrick Minder, CEO der Luzerner Digitalagentur JLS, sah einen Corona-Boom. Denn die Krise habe zu einer Fokussierung der Investitionen geführt. «Aus unserer Sicht wurden weniger Augmented- und Virtual-Reality- Projekte im vergangenen Jahr initiiert, dafür wurden diese umso konsequenter und meist erfolgreicher umgesetzt», sagt Minder. Die Projekte hätten sich viel stärker an den Bedürfnissen der Nutzer orientiert. Für ihn haben die Digitalisierung von Events, Augmented oder Virtual Shopping Experiences oder Augmented-Support-Prozesse im vergangenen Jahr an Bedeutung gewonnen. 04 / 2021 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Products Hintergrund 55 JLS setzte während der Corona- Zeit für Micasa ein Projekt im E- Commerce-Bereich um. So ermöglicht es die Micasa-3-D-App, Produkte in den eigenen Wänden zu erleben. Extended Reality ersetzt Messen und verbessert das Kauferlebnis Doch welche Projekte setzten die Entwickler konkret um? Viele der spannendsten XR-Projekte, welche die befragten Schweizer Entwickler vergangenes Jahr durchführten, sind in den Bereichen E-Commerce und virtuelle Events angesiedelt. Bandara entwickelte etwa eine virtuelle Messe für den ICT-Dienstleister Ingram Micro. Die Besucher bewegten sich dabei mit einem 3-D-Avatar durch die virtuellen Räume und entdeckten dabei die Produkte. Über die Anwendung Voice konnten sie sich zudem mit anderen Avataren unterhalten. Das Erlebnis sollte einen Teil des echten Messefeelings nach Hause bringen, sagt Gremli. Man könne mit Laptop, Smartphone oder VR-Brille an solch virtuellen Messen teilnehmen. JLS setzte während der Corona-Zeit für Micasa ein Projekt im E-Commerce-Bereich um. So ermöglicht es die Micasa-3-D-App, Produkte in den eigenen Wänden zu erleben. Durch Augmented Reality können verschiedene Möbel-Varianten getestet werden. Auch der Bestellvorgang wird über die App abgeschlossen. Die App schlägt laut Patrick Minder eine Brücke zwischen den digitalen und stationären Verkaufskanälen von Micasa. Bitforge startete vergangenes Jahr gar einen ganzen AR-Commerce-Dienst. Der Dienst namens «Genie AR» wurde bisher vom Online-Pflanzenhändler Feey.ch, Coop Bau + Hobby und dem Schweizer Armaturen-Hersteller KWC eingesetzt, wie Senn sagt. Die Integration von Genie AR erlaubt Feey.ch-Kunden per AR festzustellen, ob eine Pflanze an den vorgesehenen Standort passt. Eine ähnliche Funktion führte der Dienst für Coop aus. Dort konnten Kunden sehen, ob der Weihnachtsbaum passt. KWC nutzt Genie AR sowohl als Showroom auf seiner Website als auch als Präsentationstool für das internationale Sales- Team. Extended Reality kommt aber auch in anderen Bereichen zum Einsatz Es gab während des Corona-Jahres aber auch interessante Projekte in anderen Bereichen. So habe Bitforge mit «einem grossen Schweizer Industrieunternehmen» eine Remote-Video-Assistance-Lösung für das iPad umgesetzt. Die AR-basierte Videotelefonie-Lösung werde eingesetzt, um Service- und Reparaturprozesse zu verbessern. «Es kommt oft vor, dass ein Spezialist für eine Reparatur zum Kunden reist, dieser aber noch weitere Unterstützung aus der Zentrale benötigt. Augmented Reality erlaubt als Ergänzung zum Videoanruf eine präzisere Kommunikation, da man Bauteile im Raum markieren kann», sagt Senn. Die Lösung von Bitforge unterscheide sich von der Konkurrenz, da sie als On-Premise-Lösung konzipiert worden sei, bei der die Sicherheit an erster Stelle stehe. Senn schätzt, dass sich die Nutzerzahl auch wegen der aktuellen Reisebeschränkungen schnell vergrössert habe. Laut Marc Pollefeys, Professor an der ETH und Leiter des Mixed Reality und AI Labs in Zürich, steigt die Bedeutung des Remote Servicing, also der ferngesteuerten Wartung von Industrieanlagen oder Fahrzeugen in kontaktlosen Zeiten besonders. Er sieht darin ein riesiges Potenzial, auch weil die Anwendungsbereiche noch nicht absehbar seien. Auch in der Gesundheitsbranche gibt es für XR Möglichkeiten. So entwickelte Bandara 2020 für die Ostschweizer Fachhochschule eine VR-Applikation, mit der Symptome einer Demenzerkrankung simuliert werden. Die Applikation soll bei Pflegefachpersonen in Ausbildung ein Verständnis für die Krankheit schaffen, wie Gremli erklärt. «Es gibt immer mehr Studien, die den Mehrwert von Virtual Reality in der Ausbildung aufzeigen. Dementsprechend wenden sich immer mehr Unternehmen und www.netzwoche.ch © netzmedien ag 04 / 2021

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