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Netzwoche 05/2020

32 Web Focus Warum es

32 Web Focus Warum es nicht mehr reicht, nur Webentwickler zu sein Trends in der Webentwicklung kommen und gehen immer schneller. Mit ihnen Schritt zu halten, stellt eine Herausforderung dar. In der Netzwoche-Umfrage verraten Schweizer Agenturen, was sie sonst noch ins Schwitzen bringt, warum ihnen Open Source die Arbeit erleichtert und welche Technologien das Web von morgen dominieren. Autor: René Jaun Bild: SolisImages / Fotolia.com « User sind nicht bereit, sich lange auf einer Seite aufzuhalten, wenn der Content keinen Mehrwert bietet. » Fabienne Baumgartner, Executive Assistant bei Notch Interactive Webtechnologien wandeln sich ständig. Schnellere Internetverbindungen, neue Geräte oder verändertes Nutzerverhalten lassen Trends entstehen und wieder vergehen. Ein Flash-Element auf einer Website war früher das A und O eines guten Webauftritts, zeigt heute aber nur noch, dass die Seite schon länger nicht mehr aktualisiert wurde. Hinter den virtuellen Kulissen arbeiten Webentwickler daran, die neuen Technologien möglichst innovativ einzusetzen. Derweil verändert sich die Art, wie man Webprojekte umsetzt. Wo steht die Webentwicklung heute? Und welche Trends stehen an? Die Netzwoche hat sich bei Schweizer Webagenturen umgehört, deren Projekte einen Best of Swiss Web Award in der Kategorie «Innovation» gewann. Mut, Möglichkeiten, Mehrwert Gefragt, wie sich ihrer Meinung nach die Webentwicklung in den letzten fünf Jahren veränderte, verweisen viele Teilnehmer auf die gesteigerte Qualität. «Grundsätzlich hat sich die Branche stark professionalisiert und es haben sich in vielen Bereichen Best Practices herausgebildet, die viel breiter zu einer hohen Qualität führen», sagt etwa Severin Klaus, UX Frontend Lead bei Hinderling Volkart part of Dept. «Innovation hat sich dadurch stärker auf spezifische Teilaspekte zurückgezogen und braucht häufig noch mehr Mut als früher.» Zudem müsse heute Professionalität gepaart mit Innovation auftreten, um aus der Masse herausstechen zu können. Für Fabienne Baumgartner, Executive Assistant bei Notch Interactive, braucht es heute mehr Skills, Fachspezialisten und Know-how-Träger seitens der Entwickler. «Auf Kundenseite braucht es deutlich mehr Ressourcen als früher, und alle müssen vermehrt auf wissenschaftlich gestützte Prozesse achten. Ebenso wichtig wie die Verpackung ist Content. User sind nicht bereit, sich lange auf einer Seite aufzuhalten, wenn der Content keinen Mehrwert bietet.» Auf die technologisch weiterentwickelten Webbrowser geht Florian Hämmerle, Chief Product Officer von Watson, ein: «Dadurch ist vieles möglich geworden, was nur wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre. Und dank leistungsstarker Hardware ist das alles auch auf Mobile umsetzbar.» Bei der Zusammenarbeit im Team habe sich agiles Arbeiten durchgesetzt. Hannes Gassert, Co-Founder der Agentur Liip, bringt die Zusammenarbeit mit der weltweiten Community ins Spiel: «Die Grundlagen guter, nachhaltiger Arbeit im Web sind die gleichen geblieben. Aber: wir arbeiten mit immer besseren frei verfügbaren Bausteinen, mit denen sich immer schneller noch höher bauen lässt. Kurzum: das Prinzip Open Source hat sich durchgesetzt.» Der Aufstieg Chinas finde im Übrigen auch in diesem Bereich statt, ergänzt er, und verweist auf «Vue.js», das er als «das prägende Front-End-Framework dieser Jahre» bezeichnet. Kompetenzen ohne Grenzen Welche weiteren Trends machen Webentwickler aktuell aus? Baumgartner von Notch Interactive nennt hier zunächst einen Marketing-Aspekt: «Das neue Hauptmedium ist das Web, nicht andere Werbemittel.» Weitere Trends sind für sie Front-End Design Patterns, Spracherkennung und Sprachassistenz in der Customer Journey, eine Conversational Navigation sowie Always-on Usability Testings. Auch CMS-Systeme mit Fokus auf ihre Kernfunktionen – soge- 05 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Web Focus 33 nannte Headless CMS stehen für sie im Trend. Dies bestätigt auch Klaus von Hinderling Volkart: «Die Headless CMS als SaaS haben eine Reife entwickelt, die sie in immer mehr Fällen zu besseren Alternativen macht.» Zudem treten Back-Ends immer stärker als API auf und seien zunehmend als Micro Services umgesetzt. «Auch bei JS mit Svelte sehen wir einen Trend dahin, anspruchsvolle Arbeiten in den Build-Prozess zu verlegen, also noch vor Auslieferung an den Browser zu erledigen.» Damit liessen sich erhöhte Komplexität und Ansprüche wirksam abfedern, erklärt er. Business-Logik und Rendering verlagerten sich hingegen zum Browser. Generell werde nicht nur der Performance, sondern auch der Accessibility mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Florian Hämmerle von Watson sieht Trends in Teamund Projektarbeit: «Es gibt klar eine Verschiebung von der Webentwicklung hin zur Produktentwicklung. Die Zusammenarbeit erfolgt über bisherige Team-Grenzen hinweg: Entwickler arbeiten direkt mit Designern, Daten analysten und Usern zusammen, um das bestmögliche Produkt zu entwickeln. Das Denken erfolgt zunehmend nutzer-zentriert, UX wird wichtiger. Und natürlich ist Datenschutz auch ein grosses Thema, wo der Trend zu mehr Transparenz und Mitsprache der Nutzer geht.» Es geht schneller und fordert mehr Wissen Mit neuen Trends kommen auch neue Herausforderungen auf die Entwickler zu. Hämmerle von Watson nennt zwei Aspekte: «Einerseits ist die Geschwindigkeit der Veränderung gross: Was heute modern ist, gilt in ein bis zwei Jahren möglicherweise schon als veraltet. Das frühzeitige Erkennen von Trends ist entsprechend wichtig. Andererseits wird das fachliche Spektrum, das eine gute Produktentwicklung umfasst, immer grösser. Neben den verschiedenen Technologiestandards wird zunehmend Know-how in angrenzenden Fachgebieten wichtig, etwa im Bereich SEO.» Hier knüpft auch Klaus an: Ihn fordert «die unglaublich grosse Fülle an Expertise: Man ist heute nicht mehr Webentwickler, sondern React-Entwickler mit Fokus auf Datenanbindung, oder UI Developer mit Accessibility Expertise oder DevOps für Cloud Computing.» Die ständig zunehmende Fülle an Möglichkeiten und Spezialisierungen fordere nicht nur Neulinge. Gassert plädiert in dem Zusammenhang für stetes Lernen: «Die wichtigste Herausforderung ist und bleibt die Weiterbildung. Nicht nur in der Technik, sondern auch in den Methoden, der Kommunikation, der Zusammenarbeit.» Mehr als nur Code-Schreiben Wie sieht die Webentwicklung von morgen aus? Die Lücke zwischen Smartphone-Apps und Web-Apps werde sich schliessen, sagt Gassert. «Die Fähigkeiten der Geräte werden schneller und konsequenter aufs Web übertragen. NFC wird für Web-Apps zugänglich für Zahlungen, Sprachsteuerung sowieso, AR und auch VR.» Weitere Technologien nennt Klaus: «Im Front-End-Bereich werden wir schon bald viele interessante Ansätze im Bereich Web Components und CSS/Houdini sehen. Man wird sich ausserdem noch stärker auf komplexe Stacks abstützen. Wir werden nicht nur vermehrte KI-Ansätze in Webentwicklungen sehen, uns wird Deep Learning auch vermehrt selbst dabei unterstützen, sei dies bei Code Inspection und Generierung, aber auch beim Testing und für automatisierte Audits. Die Teams werden noch multidisziplinärer agieren, insbesondere bei grossen Projekten, während man sich bei kleineren auf ausgereifte Umgebungen wird berufen können. Für visuelle Experiences wird zunehmend WebGL verwendet, und dabei vermehrt mit Custom Shaders gearbeitet.» Die neuen Möglichkeiten werden die Komplexität weiter erhöhen, meint Baumgartner. «Verschiedene Eingaben wie Voice, Mimik und Gestik werden eine immer grössere Rolle spielen. Zudem werden personalisierte und individualisierte Inhalte sowie die korrekte Ausspielung von Botschaften noch intensiviert. Die optimale Platzierung im Ökosystem mit übergreifenden Stakeholdern wird sich zudem unweigerlich weiterentwickeln und eine Dynamik auslösen, die die Komplexität weiter erhöht.» Wichtig sei und bleibe nicht nur interdisziplinäres Denken, sondern auch, in cross-funktionalen Teams zu arbeiten, sagt Hämmerle. «Aufgrund des hart umkämpften Talentmarktes muss man zudem fähig sein, mit einem geografisch verteilten Team zu funktionieren, bei dem einzelne Mitglieder remote arbeiten. Schliesslich wird der Einbezug von Kunden und weiteren Stakeholdern noch wichtiger.» Viele Veränderungen in der Webentwicklung spielen sich auf Technologieebene ab. Die Umfrage zeigt, wie sich der Einzelne in einer Vielzahl von Fachgebieten spezialisieren kann. Gleichzeitig wird es wichtiger, seine Kompetenzen zu verbreitern und über die Grenzen des Programmierens hinauszugehen. Oder wie Hämmerle von Watson in einem Satz zusammenfasst: «Webentwicklung bedeutet schon heute weit mehr als nur Code zu schreiben.» i FRAMEWORKS, LIBRARIES UND TOOLS Swiss Made Software hat Schweizer Entwickler gefragt, welche Frameworks, Libraries und Tools sie am liebsten verwenden – oder auch nicht. Die beliebtesten Frameworks: 1. Node.js 2. Angular 3. Spring 4. .NET Core 5. React 6. .NET 7. Vue.js 8. jQuery 9. ASP.NET 10. TensorFlow Die unbeliebtesten Frameworks: 1. Angular 2. Node.js 3. jQuery 4. Spring 5. Cordova 6. Xamarin 7. ASP.NET 8. React 9. .NET Core 10. .NET « Es gibt klar eine Verschiebung von der Webentwicklung hin zur Produktentwicklung. » Florian Hämmerle, Chief Product Officer, Watson Den vollständigen Artikel finden Sie online www.netzwoche.ch www.netzwoche.ch © netzmedien ag 05 / 2020

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