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Netzwoche 05/2021

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« Das Ziel ist, nach

« Das Ziel ist, nach einer Störung stärker zu sein als davor » Mehrfach sind bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) im vergangenen Monat die Ticketsysteme ausgefallen. Jochen Decker, seit August 2020 CIO der SBB, sagt im Gespräch, wie er die Vorfälle aufarbeitet, welche Konsequenzen die finanzielle Schieflage der SBB für seine Abteilung hat und und warum ihm das Homeoffice Sorgen macht. Interview: René Jaun « Unter dem Strich haben die Störungen gezeigt, wie bedeutend inzwischen die IT für unseren Bahnbetrieb ist: Ohne IT fährt kein Zug. » Jochen Decker, CIO, SBB Das Interview finden Sie auch online www.netzwoche.ch 24 People Live Der März war ein Pannenmonat für die SBB: Mehrfach nacheinander fielen entweder Ticketsysteme oder Fahrpläne aus. Was war da los? Jochen Decker: Wir hatten zwei grössere Störungen im März, nach einem Jahr äusserst stabilem Betrieb. Von einer Häufung von Störungen würde ich also nicht sprechen. Die Störungen lagen zwar zeitlich eng beieinander, waren aber technisch vollkommen unabhängig voneinander. Am 15. März trat eine Anmeldestörung auf unserer Cloud-Umgebung auf, und am 19. März kam es zu einer grossen Störung am Netzwerkübergang zu einem unserer grossen Provider, die Sicherheit im Bahnverkehr war nie tangiert. In beiden Fällen traten die Störungen bei unseren Partnern auf. Das tut aber nichts zur Sache, denn wir als SBB sind dafür verantwortlich, unseren Kundinnen und Kunden einen guten Service zu bieten. Und für die entstandenen Unannehmlichkeiten wollen wir uns ausdrücklich entschuldigen. Laut Medienberichten gab es aber bald danach noch eine dritte Störung. Tatsächlich kam es am Gründonnerstag noch zu einer kurzen Störung beim Kreditkartenprovider, sprich beim Bezahlvorgang. Unsere IT-Systeme haben da funktioniert. Aber es zeigt, wie stark wir als SBB mit dem Ökosystem verflochten sind. Als es kürzlich zu einer grossen Störung im Mobilfunknetz kam, hatte das ebenfalls Auswirkungen auf uns: Wenn das Mobilnetz nicht funktioniert, funktioniert natürlich auch «SBB Mobile» nicht. Für uns ist das eine Mahnung, auch das Ökosystem sauber zu managen. Wie gehen Sie mit diesen Vorfällen um? Unter dem Strich haben die Störungen gezeigt, wie bedeutend inzwischen die IT für unseren Bahnbetrieb ist: Ohne IT fährt kein Zug. IT ist mittlerweile also deutlich mehr als ein wenig Workplace und SAP. Die beiden Störungen im März waren wirklich gravierend. Entsprechend werden sie auch nicht wie eine Nullachtfünfzehn-Störung nachbereitet. Wir machen grosse Audits über die Architektur, Prozesse, organisatorische und kulturelle Themen bei den SBB und unseren Lieferanten, um nachhaltig aus den Vorfällen zu lernen. Das Ziel ist, nach einer Störung stärker zu sein als davor, und das System durch neue Erkenntnisse zu härten. Wie ist die IT der SBB aufgestellt? Wir sind knapp 1300 interne Mitarbeitende mit einem Gesamtbudget von 650 Millionen Franken. Die IT ist nach SAF-Grundsätzen – «Scaled Agile Framework» – organisiert. Wir haben drei organisatorische Blöcke: Im Block «Digital Solutions» befinden sich 12 Geschäftsprozessgruppen, die gemeinsam mit dem Geschäft als «BizDev­ Ops» Entwicklung und Betrieb erbringen. Im «Services»- Block bündeln wir alle unsere internen Dienste, von der IT-Infrastruktur bis hin zu Servicedesk und Einkauf sowie unserem Personal. Und schliesslich gibt es noch den Block «Governance», der zum Beispiel Architektur oder Cybersecurity einschliesst. Angesichts des Fachkräftemangels setze ich mich für mehr Frauen in der IT ein. Zudem haben wir keine klassische Führungshierarchie mehr, sondern haben Fach- und Linienführung getrennt. Die Arbeit ist in Feature-Teams organisiert. Jeder Mitarbeitende hat einen Mentor für die Personalführung und einen fachlichen Vorgesetzten in den jeweiligen Feature-Teams. Welche Rolle haben Sie als SBB-CIO genau? Eigentlich habe ich drei Rollen. Zunächst bin ich ganz klassisch für einen stabilen IT-Betrieb und das Projektgeschäft verantwortlich – als effizienter Dienstleister für einen sicheren und zuverlässigen Bahnbetrieb. Zweitens obliegt mir die Konzernsteuerung – die richtige IT für den richtigen Businesszweck. Dazu gehören beispielsweise Architektur, Portfoliomanagement, Datenmanagement, Qualität oder Cybersecurity. Drittens treibe ich die Digitalisierung im Unternehmen voran, dabei soll diese in erster Linie einen Nutzen für unsere Kundinnen und Kunden haben. Wir wollen damit unseren Service verbessern, aber auch nachhaltiger werden und die Kosten besser im Griff haben. Sie wurden im vergangenen August CIO der SBB. Wie erlebten Sie die Zeit seit Ihrer Beförderung? Ich bin insgesamt seit 13 Jahren bei den SBB, und von diesen 13 war das letzte Jahr mit Abstand das schönste und spannendste. Mich fasziniert besonders die Breite der Themen. Natürlich war es auch ein absolut ungewöhnliches Jahr, schon wegen der Coronakrise. 05 / 2021 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 25 Was waren die grössten Herausforderungen? Wegen der Pandemie mussten wir vom einen auf den anderen Tag rund 13 000 Mitarbeitende ins Homeoffice bringen. Darunter waren auch Mitarbeitende, die nahe an der Produktion sind, von denen man sich zuvor kaum vorstellen konnte, dass sie dereinst von Zuhause aus arbeiten würden. Wir von der IT mussten dabei sicherstellen, dass sie im Homeoffice arbeitsfähig sind. Das hat wunderbar geklappt, zumal «work anywhere» für die SBB nichts Neues ist und wir dank der Office-365-Umstellung im Jahr 2019 gut vorbereitet waren. Das zweite Coronathema war der finanzielle Druck, den auch wir zu spüren bekamen. Neben Corona erhielten wir letztes Jahr einen neuen CEO, der wiederum andere Schwerpunkte setzte. Und für mich persönlich änderte sich natürlich auch das Zusammenspiel mit den Kolleginnen und Kollegen – ich wurde entweder vom Peer zum Vorgesetzten oder vom Mitarbeiter zum Peer. Sprechen wir mehr über die Finanzen. Wie wirkt sich das schlechte Jahresergebnis der SBB auf Ihre Abteilung aus? Der öffentliche Verkehr wurde von Corona hart getroffen. Wir hatten letztes Jahr ein Drittel weniger Passagiere und einen Verlust von 617 Millionen Franken. Wir gehen davon aus, dass uns die Krise letztlich bis zu 2 Milliarden Franken kosten wird. Bereits letztes Jahr haben wir deshalb Sparmassnahmen umgesetzt. In der IT mussten wir zwar kaum Projekte gänzlich streichen, aber wir mussten sie neu fokussieren, verkleinern und verschieben. So sparen wir Kosten und bereiten uns auf die nächste Wachstumsphase vor, denn die Bahn hat Zukunft, nicht zuletzt angesichts des Klimawandels. Das klingt nach einem guten Vorsatz. Aber wird es angesichts der hohen Verluste nicht langsam eng? Es ist jetzt schon eng, und es ist nicht so, dass wir als IT keine Einschnitte haben. Bei den externen Mandaten mussten wir abbauen. Unser internes Personal konnten wir jedoch vollständig behalten, und sogar leicht ausbauen. Uns ist es wichtig, die internen Mitarbeitenden zu behalten, denn sie sind die Know-how-Träger, quasi unser Kapital. Zudem ist die Digitalisierung unser Hebel, um das Bahngeschäft langfristig zu beherrschen, effizient und nachhaltig zu machen und damit die Gesamtsystemkosten zu senken. Würden wir da jetzt zu sehr kürzen, würden wir sehr langfristige Schäden verursachen. « Wegen der Pandemie mussten wir vom einen auf den anderen Tag rund 13 000 Mitarbeitende ins Homeoffice bringen. » Jochen Decker, CIO, SBB www.netzwoche.ch © netzmedien ag 05 / 2021

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