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Netzwoche 08/2021

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« Wenn man den Sprung

« Wenn man den Sprung in die SAP-Welt gemacht hat, ist ein Zurück sehr schwierig » Die Migros steht vor drei Herausforderungen der Digitalisierung: der Erneuerung der Geschäftsmodelle, der IT-Systeme und der Schnittstelle zu Kundinnen und Kunden. Rainer Baumann verantwortet die Digitalstrategie der Migros-Gruppe. Im Gespräch wirft er einen Blick in die Zukunft des Self-Check-outs, auf die Learnings aus Amigos und die Zusammenarbeit mit SAP sowie Microsoft. Interview: Joël Orizet « Die Begegnungszone Retail ist Teil unserer Dienstleistung an die Gesellschaft. » Rainer Baumann, Leiter Departement Operations, Migros-Genossenschafts-Bund i ZUR PERSON Rainer Baumann ist Leiter des Departements Operations und Mitglied der Generaldirektion beim Migros-Genossenschafts-Bund. Er verantwortet die Funktionsbereiche Informatik, Logistik, Transport, Engineering, Digital Business und Analytics. Er ist seit 2019 beim Unternehmen, davor arbeitete Baumann in verschiedenen Funktionen bei Swiss Re, zuletzt als Head of Group Digital & Information Service. Rainer Baumann ist Doctor of Sciences der ETH Zürich. Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch 30 People Live Die Digitalisierung stellt den Detailhandel vor neue Herausforderungen. Welche ist aus Ihrer Sicht die grösste Challenge? Rainer Baumann: Wir haben drei grosse Herausforderungen. Zum ersten müssen wir unsere Geschäftsmodelle digitalisieren – ich denke an den Trend in Richtung Onlinehandel oder an Marktplatz-Plattformen. Zum zweiten tangiert die Digitalisierung auch die Schnittstelle zu den Kundinnen und Kunden. Schon heute können wir unsere Einkäufe mit dem Handy selbst einscannen, das Einkaufserlebnis wird sich aber noch stärker verändern. Die dritte grosse Challenge betrifft die IT-Systeme. Wie bei den meisten Detailhändlern laufen auch bei der Migros noch zahlreiche ältere Systeme, sprich: Legacy. Mittlerweile ist das eine Herausforderung, denn Legacy macht träge und kostet viel Geld. Sie haben das Self-Scanning erwähnt. Man könnte sagen, die Migros treibt damit den Trend zur Selbstbedienung auf die Spitze. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Als Technologe finde ich es sehr spannend, wie das alles funktioniert. Darüber hinaus schafft dieser Trend einen Mehrwert für die Kundinnen und Kunden. Wenn ich die Produkte einscanne, kann ich beispielsweise selbst überprüfen, wie viel es mich tatsächlich kostet, wenn ich bei einer bestimmten Rabattaktion mehrere Artikel einkaufen will. Das führt allenfalls zu einer gewissen Gamification, doch als Kunde gibt mir das auch ein Gefühl von Kontrolle und Fairness. Wie geht es mit dem Self-Check-out bei der Migros weiter? Momentan sind wir am Ausrollen. Wir orientieren uns vor allem am Interesse der Kundinnen und Kunden – und da sehen wir heute nach wie vor eine starke Nachfrage nach dem klassischen Check-out. Allerdings erwarte ich beim Self-Scanning eine grosse Verschiebung: weg von den Scanning-Geräten und hin zur Mobile-App. Dementsprechend haben wir vor einem halben Jahr die Funktion «SubitoGo» in die Migros-App integriert. Zurzeit testen wir die Funktion in einigen Filialen, per Ende des Jahres wollen wir sie flächendeckend einführen. Das Prinzip ist einfach: Die Kundinnen und Kunden erstellen mit der App eine Einkaufsliste, scannen im Laden die Artikel, bezahlen direkt in der App und zeigen an der Kasse einen QR-Code. Das macht den Einkauf sehr einfach und bequem. Was passiert mit der Belegschaft der Migros, wenn der Beruf des Kassierers ausstirbt? Unsere Planung geht nicht so weit, denn wir sehen kein Aussterben dieses wichtigen Berufs. Vor allem in kleineren Filialen haben die Kundinnen und Kunden viele Fragen: Wo finde ich ein bestimmtes Produkt? Was ist da drin? Es gibt also einen grossen Bedarf an persönlicher Beratung, Begleitung und Information. Wir sind noch weit weg von einer perfekten digitalen Welt, die den Kundinnen und Kunden alles bietet, was sie sich wünschen. Hinzu kommt: Viele Menschen haben beim Einkaufen ein starkes Bedürfnis nach zwischenmenschlichem Kontakt. Der Schwatz an der Kasse findet nicht nur auf dem Land statt. Auch in der Stadt sind Läden wichtige soziale Treffpunkte. Insofern kann man sagen: Die Begegnungszone Retail ist Teil unserer Dienstleistung an die Gesellschaft. Mit dem «Voi Cube» testet die Migros ein Ladenkonzept, das ohne Kassenpersonal auskommt. Wozu dieser Test? Der Voi Cube ist für uns in erster Linie ein technisches Experiment. Wir wollen wissen, wie die entsprechenden Technologien in einem realen Setting funktionieren. In einem nächsten Schritt geht es darum, breitere Markterfahrungen zu sammeln und herauszufinden, wie die Kundschaft auf das Konzept reagiert. Ein Shop reicht dazu nicht aus, da bräuchten wir mindestens zehn. Aber zunächst müssen wir lernen, wie man so etwas in der Schweiz überhaupt betreiben kann. Was macht es schwierig? Schwierig ist vor allem die Schnittstelle zwischen Mensch und Technologie. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Kundinnen und Kunden so verhalten, dass alle ein tolles Einkaufserlebnis haben. Wenn sich nicht alle fair verhalten, müssen wir 08 / 2021 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 31 die Preise erhöhen – sonst funktioniert es nicht in kommerzieller Hinsicht. Wenn beispielsweise jede halbe Stunde eine Putz-Crew den Laden reinigen muss, dann haben wir ein Problem. Wichtige Fragen sind also: Wie wartungsintensiv « Man kann die digitalen Innovationsmodelle aus aller Welt nicht einfach so in die Schweiz transferieren. » Rainer Baumann, Leiter Departement Operations, Migros-Genossenschafts-Bund sind solche Läden? Und wie können wir sie so gestalten, dass die Kundinnen und Kunden sich einerseits wohlfühlen und andererseits Rücksicht auf andere nehmen? Es geht also insbesondere um verhaltensökonomische Aspekte – jeder Technologe sollte sich heutzutage mit Behavioral Economics auseinandersetzen. Anfang Juni hat die Migros das Social-Shopping-Projekt Amigos zum zweiten Mal eingestellt. Wie lautet Ihr Fazit? Wir sind sehr happy mit Amigos. Am Anfang ging es uns darum, eine innovative Lösung zu entwickeln, die den Kundinnen und Kunden etwas bringt. Uns war klar, dass die Gig Economy auch die Schweiz erreicht. Wir haben dann aber gemerkt, dass das Projekt teilweise auf Probleme stösst. Daraus haben wir viel gelernt. Zum Beispiel? Auf unserer Liste von theoretisch möglichen Lösungen konnten wir die Hälfte streichen, weil wir begriffen haben, dass längst nicht alles Denkbare machbar ist – zumindest nicht in vernünftigem Masse. Die wichtigste Lektion war: Es ist nicht das richtige Modell für die Schweiz. Wir sind nun mal kein klassisches Gig-Economy-Land wie etwa die Vereinigten Staaten, wo es eine Multi-Job-Kultur gibt. Man kann die digitalen Innovationsmodelle aus aller Welt nicht einfach so in die Schweiz transferieren. In der Coronakrise nahm das Projekt einen zweiten Anlauf. Was war diesmal anders? Als die Pandemie aufkam, gab es plötzlich diesen Wunsch nach gegenseitiger Hilfe. Pro Senectute kam mit der Idee auf uns zu, Menschen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko zu unterstützen. Wir konnten Amigos innerhalb kurzer Zeit wieder aktivieren und die Nutzerzahlen sind erfreulicherweise schnell gestiegen. Seit wir nun aber auf das Ende der Krise zusteuern, haben wir festgestellt, dass die Bestellungen wie auch die Anzahl Bringer zurückgegangen sind. Das Matching wurde schwieriger. Die wenigen, die noch bestellt oder sich als Bringer registriert hatten, fanden immer weniger schnell zueinander. Deswegen lag es auf der Hand, den Dienst nach über einem Jahr wieder einzustellen. Das Fazit bleibt positiv. Wir konnten extrem schnell ein starkes Bedürfnis erfüllen, und zwar für hilfsbereite wie auch für hilfsbedürftige Menschen. Beides ist etwas sehr Menschliches: helfen und Hilfe zu bekommen. Insofern konnten wir mit Amigos einen wichtigen Beitrag leisten, was mich persönlich sehr freut. Seit Oktober hat die Migros eine Cloud-Partnerschaft mit Microsoft. Wo stehen Sie auf dem Weg in die Cloud? Wir sind stolze Betreiber von vier eigenen Datacentern. Doch wie die meisten Unternehmen haben wir verstanden, dass der Betrieb von eigenen www.netzwoche.ch © netzmedien ag 08 / 2021

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