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Netzwoche 09/2017

16 Business

16 Business Titelgeschichte « Das Lobbying von Microsoft ist ein Problem – gerade in der Schweiz » Nur wenige kennen die Schweizer Open-Source-Szene so gut wie Matthias Stürmer. Das Vorstandsmitglied des Vereins CH Open spricht im Interview über die wundersame Wandlung Microsofts, dessen Annäherung an die Open-Source-Community und offene Software in der Cloud. Er erklärt zudem, wo sich Microsoft noch verbessern kann. Interview: Marcel Urech Für Microsoft und die Open-Source-Community war es früher undenkbar, zu kooperieren. Heute hat niemand mehr Open-Source- Unterstützer auf Github als Microsoft. Hat Sie das überrascht? Matthias Stürmer: Nein und ja. Nein, weil ich schon vor zehn Jahren mit Microsoft Kontakt hatte. Der Konzern gab sich damals grosse Mühe, seine noch bescheidenen Open- Source-Aktivitäten hervorzuheben. Microsoft war es schon immer wichtig, in der Community präsent zu sein. Etwa an den Openexpo-Veranstaltungen von 2006 bis 2011, wo sich Open-Source-Entwickler und -Anbieter trafen. Es erstaunte mich trotzdem zu sehen, wie viel Microsoft in Open- Source-Projekte auf Github investiert. « Die IT-Welt ist hybrid. Open-Source-Integratoren müssen sich darum gut in der proprietären Welt auskennen. » Matthias Stürmer, Vorstandsmitglied des Vereins CH Open Lobenswert, nicht? Ja, aber man muss es auch relativieren. Geld verdient Microsoft immer noch mit proprietärer Software wie Microsoft Office. Es ist etwa so, wie wenn ein Ölkonzern in erneuerbare Energien investiert, weil er merkt, dass die Zukunft nachhaltig ist, aber sein Geld weiterhin vor allem mit Benzin verdient. Grosse Firmen wie Microsoft müssen bei allen Branchen-Trends mitmachen. Sonst können sie wichtige Entwicklungen verpassen. Es ist darum logisch, dass Microsoft in Open Source investiert. Sogar Open-Source-Dienstleister, die Microsoft gerichtlich bekämpften, sind nun beste Partner des Windows-Konzerns. Firmen und Behörden arbeiten auf Desktops meist mit Microsoft-Produkten. Interessiert sich ein Open-Source- Anbieter für Arbeitsplatzrechner, muss er Lösungen mit kompatiblen Schnittstellen und Datenquellen in die Microsoft-Welt integrieren können. Die Anbieter sollten wissen, welche Produkte und Services auf welche Plattformen kommen werden. Wer die Roadmap kennt, kann planen. Die IT-Welt ist hybrid. Open-Source-Integratoren müssen sich darum gut in der proprietären Welt auskennen. Warum musste sich Microsoft für die Open-Source-Welt öffnen? Open Source hat zu viele Vorteile. Wer die richtige Lizenz nutzt, kann offene Komponenten in proprietäre Produkte einbauen. Microsoft will, dass seine mit Open Source funktionieren. Und Open-Source-Entwickler sind hervorragende Programmierer, die Microsoft gerne anstellt. Wo kann sich Microsoft noch verbessern? Aus Business-Sicht macht Microsoft wohl das Richtige: In Open Source investieren und gleichzeitig proprietäre Cash Cows wie Microsoft Office melken bis zum Gehtnichtmehr. Aus Sicht der Open-Source-Community sind die hohe Abhängigkeit der Kunden und das Lobbying von Microsoft aber ein Problem. Gerade in der Schweiz ist Microsoft eine Verkaufsorganisation, die bloss Marketing und Sales macht. Gegen so eine professionelle PR-Maschinerie haben es Open-Source-Anbieter schwer. Als die Cloud kam, sagten viele, dass Open Source nun keine grosse Rolle mehr spiele. Passiert ist genau das Gegenteil. Warum? Open Source war auf Servern schon immer stark. Technisch Versierte arbeiten gerne mit Linux und Co. Es gibt hochperformante Open-Source-Datenbanken, Analyse-Tools und Rendering Engines. Server und Speicher auf Open-Source- Basis skalieren ohne zusätzliche Lizenzkosten. Für Cloud- Anbieter ist das ein Vorteil. Google, Facebook und Amazon konnten nur gross werden, weil fast ihre gesamte Softwareinfrastruktur offen ist. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_40798 09 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

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