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Netzwoche 09/2017

34 Focus Industrie 4.0

34 Focus Industrie 4.0 Raus aus den Silos – und wie weiter? Führende Branchenvertreter sind sich einig: Im Internet der Dinge kann nur Erfolg haben, wer vernetzt denkt. Was aber heisst das konkret? DER AUTOR Hansjürg Inniger Director Solution Center Internet of Things und Partner bei Zühlke An der Basler Strategiekonferenz «Smart Suisse» zu vernetzten Städten waren sich kürzlich wieder einmal fast alle einig. Ob SBB-Chef Andreas Meyer, Postauto-Lenker Romano Cueni oder Cisco-Schweiz-CTO Andreas Christian Moser: Sie alle sind der Ansicht, dass im Internet der Dinge nur Unternehmen dauerhaft Erfolg haben werden, wenn sie aus ihren Silos heraustreten. Doch so viel ist klar: Die wenigsten Firmen dürften diesen Schritt allein schaffen – und das hat unter anderem grosse Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Kunden und Lieferanten. Zentrales Erfolgskriterium ist meiner Ansicht nach, dass sich die Firmen jeweils als gleichberechtigte Sparringspartner sehen. Dann stehen die Chancen gut, gemeinsam ein neues Ökosystem zu entwickeln. Sich nur an der Wertschöpfungskette entlang zu entwickeln, dürfte dabei jedoch in vielen Fällen nicht reichen. Mit dem Lean-Start-up-Modell neue Lösungen entwickeln Nehmen wir eine Carsharing-Plattform. Ein natürlicher Partner wäre eine Versicherung. Und eine solche haben die Macher von www.drivy.de mit der Allianz für sich gewonnen. Die 2014 gegründete Plattform zählt bereits eine Million Mieter mit rund 40 000 Mietwagen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien und Belgien. Die Allianz bietet Mietern und Vermietern von Autos automatisch den notwendigen Versicherungsschutz. Über Drivy kann man schnell und günstig ein Auto in der Nachbarschaft mieten oder sein nicht benötigtes Auto an andere vermieten und Geld verdienen. Ohne Vernetzung über Branchen wäre eine solche Lösung nie denkbar gewesen. Wie aber gelingt es Unternehmen, Mut zu entwickeln und das abgesteckte Terrain zu verlassen? Es empfiehlt sich, mit Vertrauten im Lean-Start-up-Modus neue Lösungen zu entwickeln. Dabei werden kleine Teams in die Lage versetzt, schnell ein Produkt oder eine Dienstleistung zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Man nehme einen Hersteller von Automaten, der mit seinen Geräten auch digitale Produkte – etwa Kinokarten – verkauft, die der Kunde dann etwa aufs Smartphone geschickt bekommt. Bezahlsystem und Infrastruktur werden schlank entwickelt und dann stetig an die neuen Bedürfnisse angepasst. Bild: iStock Rekombination von Geschäftsmodellen Auch die Rekombination von Geschäftsmodellen dürfte für viele Unternehmen ein Thema sein. So liesse sich etwa mit vernetzen Geräten auch ein mehrstufiges Abonnement verkaufen, das nicht nur Wartung, sondern zusätzliche Funktionen mit einschliesst. Ein Premiumangebot könnte maschinelles Lernen sein – die vernetzte Wertschöpfungskette der Maschinen optimiert sich dank künstlicher Intelligenz also selbst, da oftmals eine der Herausforderungen die Losgrösse 1 ist. Dann gilt umso mehr, es beim ersten Mal richtig zu machen. Mit verhältnismässig einfachen Mitteln kann heute die Qualitätskontrolle durch eine «Automated Optical Inspection (AOI)» automatisiert und selbstlernend auf die Produktvielfalt adaptiert werden. So reduzieren sich substanziell die Umrüstzeiten in der Produktion. Randnotiz an alle, die im Bereich Internet of Things entwickeln: Warten Sie nicht, bis alle Standards festgelegt wurden! Denn das kann mitunter Jahre dauern, und währenddessen wird mancher Zögerer von Konkurrenten überholt werden, die zuvor abgeschlagen schienen. Auch Albträume können bei der Ideenfindung hilfreich sein Unlängst haben wir mit dem Chef eines Sicherheitsanbieters über seinen Digital Nightmare diskutiert. In solchen Debatten ist eine Aussensicht hilfreich, denn oftmals ist man so sehr in der täglichen Routine gefangen, dass man Risiken nicht mehr sieht. Anders formuliert: Noch immer konzentrieren sich viele Unternehmen da rauf, was sie gut machen. Wer jedoch etwa auf Penetrationstests setzt, welche die eigenen Schwachstellen in der IT offenlegen, kann vielleicht nach Eingang des Reports Lösungen für andere Unternehmen entwickeln, die mit den gleichen Lücken zu kämpfen haben. 09 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Focus Industrie 4.0 35 Die Vernetzung von Industrielösungen rückt die Sicherheit in den Fokus Sobald Industrieanlagen mit dem Internet verbunden sind, können sie zum Einfallstor für Cyberangriffe werden. Um vernetzte Industrielösungen zu schützen und eine sichere Industrie 4.0 zu schaffen, bedarf es einer ganzheitlichen Anstrengung von Betreibern, Softwareentwicklern und Sicherheitsexperten. DER AUTOR Udo Schneider Security Evangelist bei Trend Micro Schematische Darstellung eines Industrie-4.0-Ökosystems mit Indus trierobotern. Um die Produktivität zu steigern und wettbewerbsfähig zu bleiben, werden Systeme auch firmenübergreifend vernetzt. Doch die schöne neue Welt von Industrie 4.0 und dem Industrial Internet of Things (IIoT) hat auch eine Kehrseite: Industrieanlagen wurden bereits von Cyberangreifern manipuliert – unter anderem ein Kernkraftwerk in der Ukraine – und Unternehmen mit der Androhung von Ransomware erpresst. Bei der Zusammenführung der Abläufe müssen also auch Sicherheitsaspekte beachtet werden, damit Cyberkriminelle nicht in die internetbasierten Systeme eindringen können. Während multinationale Konzerne, deren Standorte weltweit miteinander vernetzt sind, das IT-Sicherheitsthema schon längst auf der Agenda haben, besteht in dieser Hinsicht bei kleineren und mittleren Unternehmen in den verschiedensten Industriezweigen durchaus Nachholbedarf. Auch wenn kritische Systeme nicht mit dem Internet verbunden sind, könnten sie sich Malware über das interne Netz oder USB-Sticks, die Mitarbeiter auf ihren privaten Rechnern zuhause benutzt haben, einfangen. Zielgerichtete Angriffe nehmen meist ihren Anfang über die Office-IT oder auf Engineering Workstations. Eine Ausbreitung der Angreifer im Unternehmen bis in die Produktions netze hinein wird oft nicht hinreichend erkannt, geschweige denn verhindert. Eine Herausforderung ist dabei, die Netzwerkinfrastruktur und die Produktionsanlage sicher miteinander zu vernetzen. Es bedarf spezieller Lösungen, die die Produktionsanlagen absichern und Probleme bereinigen. Industrierobotersysteme absichern In der Karosseriefertigung sind 3-D-Anwendungen mit dem Industrieroboter schon längst Stand der Technik und auch in anderen Industrien übernehmen Robotersysteme eine breite Palette von Aufgaben, wie etwa das Verpacken in der Lebensmittelherstellung oder den Druckguss in der Metallindustrie. Im Zeitalter von Industrie 4.0 sind die Robotersysteme in automatisierten Produktionsanlagen zunehmend miteinander vernetzt. Mithilfe neuer APIs können Mitarbeiter die Roboter von Smartphone-Apps aus kontrollieren und manche Industrieroboter sind direkt über das Internet erreichbar, um Monitoring oder Wartung durchzuführen. Mit der zunehmenden Vernetzung und externen Zugriffsmöglichkeiten gewinnt die Absicherung nach aussen an Bedeutung. So sollten etwa technische Dokumente nicht auf öffentlich zugänglichen Sites zur Verfügung stehen und Zertifikate nicht über alle Produktinstanzen hinweg, üblicherweise selbst signiert, wiederverwendet werden. Weitere Schwachstellen sind nicht gepatchte und veraltete Softwarekomponenten, schlechte Authentifizierungspraktiken, schwache Transportverschlüsselung oder unsichere Weboberflächen. Schützen – entdecken – säubern Um die sensiblen Systeme vor Cyberattacken zu schützen, bedarf es einer ganzheitlichen Anstrengung von Betreibern, Roboter- und Softwareentwicklern und Sicherheitsexperten. Dabei geht es um mehr als eine Verbesserung der Qualität von Embedded Software. Zuallererst sollten Betreiber die Schwachstellen analysieren. Dann ist ein Sicherheitskonzept vonnöten, mit Prozessen und standardisierten Abläufen, die entsprechend installiert werden müssen. Zu einem ganzheitlichen Sicherheitskonzept gehört etwa Security by Design (sichern ohne Installation von Software), um auf Gefährdungen von aussen reagieren zu können. Manche Unternehmen haben bereits Cyber Security Operations Center eingerichtet, um auf Sicherheitsvorfälle schnell reagieren zu können. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 09 / 2017

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