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Netzwoche 10/2016

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16 Business

16 Business Titelgeschichte Um die Geschwindigkeit und die Leistung ihrer IT und ihrer Organisation zu verbessern, wenden Unternehmen neue Methoden an: agile Softwareentwicklung, DevOps, bimodale IT. Das Konzept des Lean Managements entstand Mitte des 20. Jahrhunderts in den Produktionsstätten von Toyota. Das System erweist sich als besonders ergiebig, um diese Transformation zu realisieren und Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben. Autor: Rodolphe Koller, Übersetzung: Gianna Crivelli An Konferenzen im digitalen Sektor wird man früher oder später mit einer exponentiellen Kurve konfrontiert. Diese zeigt, wie sich die Verwendung von neuen technologischen Lösungen beschleunigt und wie die üblichen Verdächtigen wie Airbnb, Whatsapp oder Uber schwindelerregende Wachstumsraten aufweisen. Diese plötzlichen Entwicklungen stellen etablierte Unternehmen vor eine doppelte Herausforderung: ihr Innovationstempo beschleunigen und den unabsehbaren Anforderungen ihrer Kunden wesentlich besser gerecht zu werden. IT-Verantwortliche sind dabei als Erste betroffen. Denn die IT-Systeme und IT- Prozesse sind entscheidend dafür, ob ein Unternehmen langsam oder schnell funktioniert. Aber auch, weil Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen, egal aus welchem Sektor, immer mehr digitalisiert werden. Diese unausweichliche Transformation der IT zu mehr Geschwindigkeit, Innovation und Kundenzufriedenheit macht sich auch in Schweizer Unternehmen bemerkbar. Sie investieren immer mehr in agile Softwareentwicklung und DevOps, wie jüngste Studien (SwissQ, CA Technologies) zeigen. Damit wollen die Firmen ihre Entwicklungen und die Implementierung von Anwendungen beschleunigen und so den wechselnden Anforderungen der Nutzer gerecht werden. Diese neuen Methoden stossen jedoch oft auf organisatorische und kulturelle Hürden. Viele noch auf die alte Weise funktionierende Prozesse und alte Funktionen verhindern eine verbesserte Geschwindigkeit und Produktivität. Zwei unterschiedlich schnelle IT-Ansätze und ihre Problematik Einige Experten sind der Meinung, dass IT-Abteilungen so geführt werden, dass sie die für die Unternehmen notwendige Geschwindigkeit gar nicht liefern können. Die Boston Consulting Group erkannte bereits 2012 Spannungen zwischen zwei verschiedenen IT-Ansätzen. Einerseits ist da die IT, die mit industrieller Geschwindigkeit funktioniert: Die IT-Spezialisten konzentrieren sich auf die Optimierung der Kosten und funktionieren in einer voraussehbaren Umgebung in einer Silo-Organisation. An- Lean IT: Innovationen beschleunigen und Prozesse vereinfachen 10 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Titelgeschichte 17 « Lean ist die ideale Methode, um zu gewähr leisten, dass die IT in der digitalen Transformation den ihr zustehenden Stellenwert bekommt. » Sari Torkkola, CIO, Patria dererseits gibt es die auf Digitales zugeschnittene IT. Diese ist für Flexibilität und Geschwindigkeit ausgelegt und eignet sich dafür, kollaborativ und in einer unvorhersehbaren Umgebung eingesetzt zu werden. Basierend auf dieser Feststellung propagieren Gartner und McKinsey die Idee, zwei IT-Ansätze parallel anzuwenden. Eine konventionelle, stabile, verlässliche, verfügbare und angepasste IT für Transaktionsaktivitäten im Backend, die unter Umständen langsamer ist. Und eine experimentelle und schnelle IT, die für Frontendlösungen in Zusammenarbeit mit Kunden eingesetzt wird und weniger belastbar sein kann. Die Lean-Methode und die Digitalisierung Da die Beschleunigung der IT-Prozesse eines Unternehmens zahlreiche Schwierigkeiten mit sich bringt, erklärt sich das wachsende Interesse der Unternehmen für die Lean-Methode im Kontext ihrer Digitalisierung. Das von Toyota entwickelte Produktionssystem bietet zahlreiche Vorteile für die Digitalisierung der Unternehmen und ihrer IT. Die Methode erlaubt es den Teams, ihre Aufträge sehr selbstständig umzusetzen und rückt die Erhöhung der Wertschöpfung für die Kunden ins Zentrum. Sie ermöglicht es, Geschwindigkeit und Produktivität der Prozesse zu erhöhen sowie die Qualität der Produkte zu steigern. Zudem fördert die Lean-Methode den Lern- und Experimentierprozess. Sie ist Philosophie, Disziplin, Managementsystem und praktische Methode zugleich. Seit Eric Ries in seinem Buch «Lean Start-up» das Konzept als nützlich und ergiebig für wachstumsbegierige Jungunternehmen beschrieben hat, erfreut es sich wachsender Beliebtheit. Die Lean-Methode kann im Kontext der IT-Transformation den gleichen Ansatz für die Herausforderungen der klassischen IT und jene der digitalen IT liefern. Sari Torkkola, CIO des finnländischen Luftfahrtunternehmens Patria, erklärt: «Lean ist die ideale Methode, um zu gewährleisten, dass die IT in der digitalen Transformation den ihr zustehenden Stellenwert bekommt. Dies bezieht sich auf beide IT-Ansätze: die Lean-Methode kann die Effizienz, Geschwindigkeit, Höhe der Kosten und Stabilität der konventionellen Informationssysteme verbessern. Bezüglich der neuen digitalen Initiativen verstärkt die Methode den Lerneffekt mithilfe von Tests, Transformationskapazitäten, Zusammenarbeit und der Schaffung von neuen Geschäftsmöglichkeiten.» Weniger planen, mehr experimentieren Der Autor Barry O’Reilly erklärt in seinem Buch «Lean Enterprise» den konkreten Nutzen des Lean-Systems für Innovationsaktivitäten nicht nur bei Start-ups, sondern auch bei etablierten Unternehmen (Interview S. 19). Der Spezialist wirft letzteren vor, dass sie zu viel Zeit damit verbringen, ihre Projekte zu analysieren und zu planen, und damit auf sich warten lassen, Feedback von Nutzern einzuholen. Damit riskierten sie, dass ihre Lösungen letztlich nicht genutzt würden, und sie dementsprechende finanzielle Einbussen hinnehmen müssten. Er empfiehlt deshalb einen Ansatz, der auf Erforschung und Entdeckung ausgerichtet ist. Das Schlüsselelement dieses Ansatzes besteht darin, mit weniger Kosten – Ressourcen, Zeit, Geld – Minimum Viable Products (erste, minimal funktionsfähige Produkte) zu entwickeln und diese wiederholt bei Mitarbeitern und Kunden zu testen. Zusammen mit aussagekräftigen Daten sollen diese «Scheinprodukte» dazu dienen, so viel wie möglich über die potenziellen Nutzer zu erfahren, Unsicherheiten und Risiken zu verringern und ein gutes Produkt zu entwickeln. Dieser iterative Ansatz ist vor allem vom Prinzip «Genchi Genbutsu» des Produktionssystems von Toyota inspiriert. Das Prinzip fordert die Verantwortlichen dazu auf, sich in den Werkstätten und Büros der Angestellten deren Arbeitsbedingungen anzusehen. Der Versuch greift auch auf die Lean-Technik der kontinuierlichen Verbesserung, PDCA (Plan-Do-Check-Act), zurück. Diese ermöglicht es, die (falschen) Annahmen bezüglich Nutzerpraktiken streng zu überprüfen. Je häufiger die Unternehmen solche Mikroprodukte testen und daraus lernen, desto wahrscheinlich werden sie nützliche und rentable Lösungen entwickeln, ist O’Reilly überzeugt. Wie etwa bei Amazon, wo täglich hunderte Releases implementiert und getestet werden. Selbstständigkeit, Verantwortung und Lerneffekt Die Lean-Methode führt ausserdem dazu, dass Silo-Organisationen abgeschafft werden. Um Probleme zu lösen, müssen sich die Teams mit ihren Arbeitskollegen der anderen betroffenen Prozesse austauschen. Dieses Phänomen lässt sich vor allem bei Continuous-Delivery-Praktiken der DevOps beobachten. Entwickler und Operation- Teams arbeiten dabei eng zusammen und teilen die Tools sowie die Verantwortung, anstatt sich gegenseitig für Probleme verantwortlich zu machen. O’Reilly erklärt, dass bei Google die Produktteams während einiger Monate nach der Lancierung für die Leistung der Produkte verantwortlich seien. Erst bei der Stabilisierung des Produkts übernähmen die Operation-Teams. Für den Spezialisten sei diese auf Zusammenarbeit, Freiheit und Verantwortung basierende Unternehmenskultur ein massgebender Faktor für die Leistung von IT-Abteilungen und somit die Kundenzufriedenheit. Die Lean-Methode ist von der Innovationsbeschleunigung bis zur operationellen Effizienz ein passendes System, um die Kapazitäten der IT zu stärken und interne wie externe Kunden des Unternehmens zufriedenzustellen. Der Ansatz der Lean-Methode, der sich auf Experimentieren, Lernen und selbstständiges Arbeiten konzentriert, kann zudem eine bedeutende Rolle spielen, wenn es darum geht, die besten Mitarbeiter anzuwerben. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 8420 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 10 / 2016

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