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Netzwoche 14/2019

16 Business Focus

16 Business Focus Börsen, Banken, Bundesrat – und Facebook In der Blockchain-Industrie wird mit Hochdruck an Entwicklungsprojekten gearbeitet – aktuell in einem stabileren und somit «erwachseneren» Umfeld. So haben vielversprechende, innovative Projekte aus dem Crypto Valley ihre dezentralen Applikationen oder Protokolle bereits veröffentlicht oder stehen kurz davor. Aber auch die traditionelle (Finanz-)Industrie sowie die Politik nähern sich dem Thema immer weiter an. DER AUTOR Thomas Linder Tax Partner, MME, Zürich Andreas Glarner Legal Partner, MME, Zürich Die klassischen Börsen haben das Thema «Digital Assets» definitiv für sich entdeckt. Ende 2018 hatte die Schweizer Börse mit Six Digital Exchange (SDX) den Bau einer vollständig integrierten Plattform für Handel, Abwicklung und Verwahrung von tokenisierten Vermögenswerten (DLT Assets) angekündigt. Aber auch die Deutsche Börse arbeitet am Aufbau einer Finanzmarktinfrastruktur für Digital Assets in der Schweiz – dies im Rahmen einer strategischen Partnerschaft mit Swisscom und Sygnum, einem Start-up im Bankensektor. Die zentralen Elemente dieser Lösung sollen die Emission und Verwahrung von Digital Assets sowie Zugang zu Liquidität und Bankdienstleistungen umfassen. Während sich SDX auf ein B2B-Geschäftsmodell zwischen ihren Mitgliedern (d.h. Banken und Effektenhändler) fokussiert, scheinen sich die Deutsche Börse, Swisscom und Sygnum eher auf den Retail- und KMU-Markt auszurichten. Es wird interessant zu beobachten sein, ob «digitale» Kunden ihre Geschäfte eher direkt über eine neue Infrastruktur oder über die bestehende Bank ihres Vertrauens abwickeln möchten. Bild: Simon / Pixabay.com Banken Das Hauptthema im Bankenbereich ist derzeit die Verwahrung von digitalen Assets (Custody). Damit Banken in diesem Bereich Dienstleistungen erbringen können, müssen digitale Assetklassen (DLT-Assets) in die Banken-Software-Landschaft integriert werden können. Hier haben bestehende Core-Banking-Systeme wie Avaloq, aber auch andere Anbieter wie Custodigit (Swisscom-Tochter) oder Metaco (Start-up aus Lausanne) bereits funktionsfähige Lösungen entwickelt. Auf der anderen Seite haben mehrere neue Marktteilnehmer Bankenlizenzen beantragt (z.B. Sygnum, Seba sowie Bitcoin Suisse) und wollen den DLT-Assets-Markt so für sich besetzen. Es wird sich auch hier zeigen, ob die Kunden eher ihre «alte» Bankverbindung nutzen möchten oder ob das (technologische) Vertrauen in eine neue «Digitalbank» grösser ist. Bundesrat Aber auch im Bereich der Rechtsetzung sind wichtige Schritte unternommen worden. So hatte der Bundesrat im März 2019 die Vernehmlassung zur Anpassung des Bundesrechts an die Entwicklungen der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) eingeleitet. Diese wurde am 28. Juni 2019 mit vornehmlich positiven Rückmeldungen abgeschlossen. Vor allem die Einführung der vorgeschlagenen «DLT- Wertrechte» ist zu begrüssen und vermag die Rechtssicherheit bei der Tokenisierung von Rechten, insbesondere in Bezug auf das heute noch hinderliche Schriftformerfordernis bei der Übertragung, deutlich zu erhöhen. Ebenfalls zweckmässig erscheint die geplante gesetzlich vorgesehene Aussonderung von Tokens und Daten im Konkurs. Zudem erachten wir auch die Einführung einer neuen Finanzmarktinfrastruktur-Kategorie als sehr positiv. Das neue «DLT-Handelssystem» bricht die traditionelle Wertschöpfungskette «Trading – Clearing – Settlement» auf und entspricht somit optimal den Bedürfnissen von auf Blockchain basierenden Geschäftsmodellen. Und Facebook? Schliesslich hatte auch Facebook – zusammen mit illustren Partnern – mit «Libra» eine eigene digitale Währung angekündigt, die von Fiat-Reserven gedeckt sein und demnach als wertstabile Crypto Currency («Stable-Coin») fungieren soll. Die koordinierende «Libra Association» hat ihren Sitz dabei in Genf. Was revolutionär klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als klassischer Zahlungsdienstleister mit bankähnlicher Tätigkeit im Gewand einer «Kryptowährung». Und so bläst der regulatorische Wind Facebook bereits kräftig ins Gesicht, während Datenschutzbeauftragte weltweit alarmiert sind. Eine echte Konkurrenz zu dezentralen Protokollen wie Bitcoin oder Ethereum stellt Libra aus unserer Sicht jedoch nicht dar. Der Einstieg von Facebook ins Payment-Business wird dagegen der traditionellen Finanzindustrie einiges an Kopfzerbrechen bereiten. 14 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Focus 17 Aktuelle Trends: Decentralized Finance und Next Generation Blockchain Nachdem Blockchain mit dem Crash im Jahr 2018 aus den Mainstream-Medien verschwunden ist, haben viele das Thema schon abgeschrieben. Der Fortschritt in diesem Bereich geht jedoch ungebremst weiter. Im Folgenden ein paar ausgewählte Trends kurz erklärt. Eines der heissen Themen im Blockchain-Bereich trägt den Namen «DeFi». «DeFi» steht kurz für «Decentralized Finance», also dezentrales Finanzwesen. In die Kategorie «DeFi» fallen Finanzdienstleistungen, die derzeit mit Blockchain neu aufgelegt werden. Im Kern geht es bei «DeFi» um dezentrale Finanzanwendungen. Dezentral in diesem Sinne bedeutet, dass keine zentrale Kontrolle bei dem System herrscht. Dies hat nicht nur das Potenzial, unsere Finanz infrastruktur robuster und transparenter zu machen, sondern auch zwei Milliarden Menschen den Zugang zu Finanzleistungen zu ermöglichen. Stablecoins Eine solche «DeFi»-Anwendung kann eine neue Währung sein, was mit den sogenannten Stablecoins derzeit eine der populärsten Anwendungsfälle ist. Wobei nicht alle Stablecoins wirklich in die Kateogrie «DeFi» fallen, weil oft eine Bild: kmarianamaphoto / iStock.com zentrale Stelle diese steuert. Eines der bekanntesten «DeFi»-Projekte ist «MakerDAO». Deren erster Stablecoin, der Dai, ist mittels CDPs in Ether kollateralisiert. In einem Smart Contract werden jederzeit genug Ether hinterlegt, dass jeder Dai mit Ether im Wert von 1 US-Dollar gedeckt ist. Ebenfalls in die Kategorie Stablecoins fällt Facebooks Libra. Mit ihrem vorgeschlagenen Zahlungssystem, inklusive eigener Währung, möchte Facebook eine semi-dezentrale Alternative zu Paypal bereitstellen. Dezentrale Börsen Eine weitere Anwendung, die derzeit grosse Fortschritte macht, sind die dezentralisierten Börsen, kurz DEX, vom englischen «Decentralized Exchange». Im Gegensatz zu den zentralisierten Börsen wird bei einer DEX alles mehr oder weniger direkt zwischen den Teilnehmern abgewickelt, mit der Blockchain als Bindeglied. Das hat einige Vorteile: Während im alten Modell volles Vertrauen in die Börse gelegt werden musste, fällt dieser Faktor nun weg. Eine DEX kann in der Regel weder irgendwelche Coins verlieren, noch kann die Börse unvorhergesehen Einfluss auf den Handel ausüben. Aufgrund der schlechten Performance sind dezentrale Börsen noch eher unpopulär, stehen mit der kommenden Generation aber vor einem grossen Durchbruch. Durch den geschickten Einsatz von Blockchain und neuartigen kryptografischen Methoden, sogenannter Zero-Knowledge-Beweise (siehe Kasten), können die Kosten signifikant gesenkt und die Geschwindigkeit um Grös senördnungen verbessert werden. DER AUTOR Kevin Schellinger CEO und Gründer, Oyoba Blockchain 2020 Ausser zahlreichen neuen Anwendungen auf der Applikationsebene gibt es auch Entwicklungen auf Protokollebene. Während sich Bitcoin gewohnt langsam, aber sicher, weiterentwickelt, gibt es bei der Smart-Contract-Plattform Ethereum häufigere Anpassungen, wobei auch dort die fundamentalen Verbesserungen noch auf sich warten lassen. In neuen Projekten wird derzeit an Konzepten gearbeitet, welche die vorherrschenden Probleme in den Bereichen Skalierbarkeit und Privacy zu lösen versuchen. Viele Projekte sollen nächstes Jahr auf den Markt kommen, was die nächste Welle der Euphorie lostreten könnte. i INFO Zero-Knowledge- Kryptografie Bei Zero-Knowledge-Kryptografie geht es darum, einem Verifizierer einen Beweis zum Besitz einer geheimen Information geben zu können, ohne die Information selbst preiszugeben. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 14 / 2019

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