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Netzwoche 16/2017

38 Ein Wochenende lang

38 Ein Wochenende lang zeigten sich die Schweizer Maker im Jugendkulturhaus Dynamo. Maker-Szene – so bastelt man heute Die Maker sind eine Bewegung, die sich dem Bauen, Reparieren und Experimentieren verschrieben hat. Mit Kreativität, Zusammenarbeit und aktueller Technik wollen sie eine Alternative zur Massenproduktion bieten. Ein Einblick in die Welt der IT-Bastler, die vom Hobbyprojekt bis zum globalen Netzwerk reicht. Autor: Oliver Schneider Das Zürcher Fablab weiss seine Besucher zu beeindrucken. In einem Gewerbegebäude unweit der Hardbrücke schneidet ein Laser Cutter Formen aus einer Platte Acrylglas. Eine CNC-Fräse formt Holz. Fünf 3-D-Drucker stehen Spalier. Ein ABB-Roboterarm biegt Metallstangen. Es rattert und stinkt. Die Maker sind am Werk. Maker? Der Begriff verlangt nach einer Erklärung, denn Hobbybastler gibt es nicht erst seit der Erfindung des 3-D- Druckers. Die Maker gehen aber noch einen Schritt weiter. Laut Chris Anderson, Ex-Chefredaktor des US-Technologiemagazins «Wired», unterscheiden sie sich in drei Aspekten von ihren Vorläufern. Erstens könnten Bastler heute auf eine Vielzahl digitaler Werkzeuge zurückgreifen, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Zweitens biete das Internet dem Handwerk neue Möglichkeiten, sich global zu vernetzen. Und drittens sei es noch nie so einfach gewesen, Produkte selbst herzustellen und zu vermarkten. So ist eine Bewegung von Tüftlern, Programmierern und Künstlern entstanden, die eine einfache Frage verbindet: Warum etwas kaufen, wenn man es selbst machen kann? Auch für Edwin Akabuilo stand diese Frage am Anfang. Der Informatiker aus Nigeria lebt seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz. Mit seinem Projekt will er gleich zwei Probleme in Entwicklungsländern auf einen Schlag lösen: Energieknappheit und Defizite im Bildungsbereich. Zusammen mit seiner Firma Small World Project entwickelt Akabuilo den Silent Generator, ein Gerät, das per Solarstrom aufgeladen wird. Damit könnten Haushalte, Schulen und kleine Unternehmen dereinst unabhängiger vom Stromnetz und fossilen Brennstoffen werden, sagt Akabuilo. Doch das im Aargau beheimatete Unternehmen will noch weiter gehen. Der Silent Generator soll neben der Stromversorgung auch einen Lerncomputer mit E-Books enthalten. Energie und Bildung liessen sich so aus einer Hand anbieten. Wo Maker Makern helfen Der Silent Generator ist ein typisches Beispiel für die Selbstbau-Projekte der Maker. Akabuilo fand seine Mitstreiter auf Social Media und im Freundeskreis, wie er sagt. Das Gerät setzt zudem auf offene Technologien wie den «Arduino». Dieser Microcontroller, 2005 von italienischen Informatikern erfunden, kann es in puncto Performance nicht mit aktuellen Computern aufnehmen. Seine Stärken liegen in anderen Bereichen. Der Arduino lässt sich besonders einfach programmieren lassen. Dies senkt die Einstiegshürden für Hardwareentwickler, wie der Informatiker und IT- Workshop-Leiter Marcel Bernet sagt. Zudem sind die Komponenten des Arduino als offene Hardware konzipiert. Damit steht das System einem 16 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Das wichtigste Werkzeug der Maker: 3-D-Drucker an der Maker Faire. IT mal in bunt: Ein selbstgebauter Mini-Roboter von Radomir Dopieralski. Bei der Jugend ist ein starkes Interesse am digitalen Handwerk vorhanden. gros sen Kreis von Nutzern zur Verfügung. Diese Offenheit von Hard- und Software ist ein zentrales Standbein der Maker-Community. Die Idee dahinter ist, dass Entwickler nicht mehr im stillen Kämmerlein tüfteln. Die Produkte sollen gemeinsam weiterentwickelt und verbreitet werden – wie es in der Open-Source-Community üblich ist. Die Fablabs sind dafür der passende Ort. 2002 eröffnete das Massachusetts Institute of Technology sein erstes «Fabrication Laboratory», in dem Bastler mit digitalen Hilfsmitteln ans Werk gehen konnten. Inzwischen sind weltweit hunderte dieser offenen Werkstätten dazugekommen. Auch in vielen Schweizer Städten, wie die Website fablab.ch zeigt. Das im Zürcher Fablab verfügbare Hightech-Equipment wirkt auf den ersten Blick vielleicht einschüchternd. Die Betreiber wollen Neueinsteiger aber explizit zum Ausprobieren und Lernen motivieren. Labmanager passen auf und unterstützen die Nutzer bei der Arbeit. Die Ergebnisse sind vielfältig: von 3-D-gedruckter Keramik über Textilien aus der Strickmaschine bis hin zu Designermöbeln. Kommerziellen Anwendungen steht das Zürcher Fablab offen gegenüber, wie es in dessen Statuten heisst: «Entwürfe und Verfahren, die in einem Fablab entwickelt werden, dürfen geschützt und verkauft werden». Der Schwerpunkt liegt allerdings auf dem individuellen Gebrauch, der Experimentierfreude und dem gemeinsamen Lernen. Mit diesem Ziel führt das Fablab auch regelmässig Kurse, Workshops und Themenabende durch. Zwischen Hobby und Start-up So wie die Fablabs die Maker auf lokaler Ebene vernetzen, tauscht die Selberbau-Community ihre Ideen, Baupläne und Erfahrungen auf Internetplattformen aus. Von Websites wie Thingiverse (Modelle für 3-D-Drucker) oder Opendesk (Möbel-Designs) können Pläne aus aller Welt heruntergeladen werden. Zahlreiche Videos, Howto-Websites und Foren geben Tipps für Bastler. Besondere Aufmerksamkeit widmen die Maker in jüngster Zeit der Vernetzung von Geräten im Internet der Dinge (IoT). Es ist nicht einfach, die Maker auf einen Nenner zu bringen. Die Hintergründe und Kreationen sind vielfältig. Manche Projekte sind pragmatisch orientiert. Es geht bei ihnen darum, ein Gerät zu reparieren oder ein spezielles Problem zu lösen. Ein Beispiel ist der Silent Generator, ein anderes die freie Software «Openhab». Mit ihr lassen sich gekaufte oder selbstgebaute Geräte im Smarthome vernetzen. Andere Produkte erinnern an Kunstwerke. Sie haben keinen direkten Nutzen, sondern zeichnen sich dadurch aus, dass beim Basteln eine Entfaltung der eigenen Kreativität stattfindet. Und dann gibt es noch Projekte, die über die Grenzen dessen hinausgehen, was gemeinhin noch als Hobby bezeichnet wird. Auf Hackteria.org dreht sich etwa alles um «Biohacking» und das Basteln mit Gentechnologie. Unter Openaps.org entwickeln Maker ein System zur automatischen Steuerung von Insulinpumpen. Menschen mit Diabetes sollen so schneller eine Linderung ihrer Krankheit erfahren, als wenn sie auf ein kommerzielles Gerät warten müssten, wie die Entwickler versprechen. Um die Community der Maker hat sich mittlerweile eine eigene Industrie gebildet. Passende Hardware wie der Arduino oder der Minicomputer «Rasperry Pi» ist im Elektronik-Fachhandel und diversen Onlineshops erhältlich. Auch komplette Selbstbau-Kits, etwa für IoT-Projekte, 3-D- Drucker oder Roboter, sind im Angebot. Für ihre Unterfangen sammeln Maker Geld auf Crowdfunding-Portalen wie Kickstarter oder Indiegogo. Wer seine Eigenkreationen verkaufen will, dem stehen mit Tindie, Etsy, Amazon oder Ebay passende Vertriebsportale zur Verfügung. Für Tüftler, die ihre Basteleien zwar selbst entwerfen, aber nicht zusammenbauen wollen, bieten chinesische Hersteller die Massenferti- www.netzwoche.ch © netzmedien ag 16 / 2017

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