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Netzwoche 16/2017

40 Am «Arduino-Abend»

40 Am «Arduino-Abend» im Zürcher Fablab helfen sich die Maker mit Rat und Tat. gung und Versendung ihrer Kreationen an. Making-asa-Service sozusagen. Verspielter Treff der Selberbauer Angesichts der vielen Facetten der Bewegung sei es wichtig, die Maker zusammenzubringen und ihre Projekte der Öffentlichkeit zu zeigen, sagt Thomas Amberg. Der Softwareingenieur und Gründer des IoT-Start-ups «Yaler» hat sich deshalb mit einigen Gleichgesinnten zusammengetan, um in Zürich eine «Maker Faire» durchzuführen. Im Ausland ziehen solche Veranstaltungen seit Längerem ein grosses Publikum an. Den Anstoss hierzu gab das US-Magazin «Make:», das 2006 die erste «Maker Faire» im kalifornischen San Mateo durchführte und sich den Namen markenrechtlich schützen liess. Bis 2013 stieg die Zahl der offiziellen Maker-Treffen laut «Make:» auf weltweit 100. Spätestens seit Barack Obama zu einer Maker Faire im Weissen Haus lud, geniesst das Thema internationale Bekanntheit. In New York, Rom und Shenzen bestaunen jeweils über 100 000 Besucher die Selbstbau-Produkte. Solche Dimensionen peilen Amberg und seine Partner vom Verein DIY Kultur Zürich mit der Zürcher Maker Faire nicht an. Trotzdem lockten sie Anfang September rund 2000 Besucher ins Jugendkulturhaus Dynamo. 40 Maker-Teams aus der ganzen Schweiz zeigten ein Wochenende lang eine breite Palette von gemeinsam entworfenen und gebauten Produkten. Zu sehen waren Hobby- und Kleinprojekte, bei denen der Schwerpunkt auf Kreativität und Zusammenarbeit liegt. Der Programmierer Radomir Dopieralski etwa stellte Mini-Roboter und Spielekonsolen aus. Sie zeigten auf spielerische Weise, was mit aktueller Technik auch für Einsteiger möglich ist. Das Fablab Bern hatte eine Kanone im Gepäck, die Schaumwolken in Herzform in die Luft zauberte. An einer Roboter-Bar konnten sich Besucher Drinks per App zusammenstellen. Auch 3-D-Drucker stellten Objekte in allen erdenklichen Farben und Formen her. Vom Modellflugzeug bis hin zum humanoiden Roboter «Inmoov». Maker-Ideen für Unternehmen Aber auch breiter angelegten Projekten bot die Zürcher Maker Faire eine Bühne. Schweizer Mitglieder der internationalen Community «The Things Network» (TTN) zeigten beispielsweise ihre Vision eines globalen Internets der Dinge auf Grundlage der Lora-WAN-Technik. Mit offener Hardund Software will TTN zur Mitarbeit an einem Netzwerk animieren, das unabhängig von Mobilfunk und WLAN Daten über grosse Distanzen transportieren soll. Als Anwendungsbereich schwebt Gonzalo Casas, ETH-Softwareingenieur und Initiator von TTN Zürich, etwa die Landwirtschaft vor. IoT-Sensoren könnten die Position von Kühen über ein selbstgebautes Netzwerk an einen Bauern übermitteln. Auch die Schweizerische Post und Swisscom interessieren sich für die Technik. Parallel zur Ausstellung liefen verschiedene Workshops, in denen das Publikum selbst Hand an Lötkolben, Schraubenzieher und Leiterplatten legen konnte. Mit dem Softwareingenieur Daniel Eichhorn ging es etwa Schritt für Schritt zur eigenen IoT-Wetterstation. Eichhorn gab auch Hinweise, wie Maker ihre Projekte in Fernost zusammenbauen und verschicken lassen können. Generell riet er, nicht zu lange zu warten und ein selbst entworfenes Produkt so früh wie möglich als «Minimum Viable Product» auf den Markt zu bringen. Bewegung mit Potenzial Im Zentrum der Zürcher Maker Faire stand ein Roboter- Wettkampf – inspiriert vom japanischen Sumoringen. Selbstgebaute Gefährte versuchten sich gegenseitig aus dem Ring zu drängen. Der Wettkampf zeigte, wie stark die Faszination für Technik vor allem beim jungen Publikum ist. Die meisten Teilnehmer des Robo-Ringens waren noch im Schul- oder sogar Vorschulalter. Viele hatten ihre Roboter während der Maker Faire selbst konstruiert und waren mit viel Enthusiasmus dabei. So zeigte der Besuch im Dynamo zweierlei. Erstens ist besonders bei der Jugend ein starkes Interesse am digitalen Handwerk vorhanden. Hier trifft die Idee des gemeinsamen Erfindens und Bastelns auf fruchtbaren Boden. Zweitens ist die Maker-Bewegung eines der deutlichsten Zeichen der digitalen Transformation. Sie nutzt modernste Technik und Methoden, die lange Zeit nur grossen Industriefirmen zur Verfügung standen. Ob daraus wirklich eine neue industrielle Revolution entstehen könnte, wie Anderson meint, muss sich noch zeigen. Dass die Maker auch in der Schweiz Fuss gefasst haben, ist aber offensichtlich. 16 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Titelgeschichte 41 « Maker können Unternehmen neue Denkweisen und mehr Kreativität bieten » Marcel Bernet hat an der Maker Faire Workshops für den Bau von Geräten für das Internet der Dinge und Robotern durchgeführt. Im Interview erklärt der Informatiker und ehemalige Präsident von «CH Open», was die Maker antreibt. Interview: Oliver Schneider « Bei den Erwachsenen ist eine Angst vor der Digitalisierung vorhanden. » Marcel Bernet, Informatiker Woher kommt das Interesse, Geräte selbst zusammen zubauen? Marcel Bernet: Da gibt es verschiedene Aspekte. Zum einen sind Geräte/Roboter immer noch relativ teuer. Zum anderen können solche Geräte heute sehr viel einfacher selbst erschaffen werden. Es gibt gute, freie Software, mit der man Projekte gestalten kann. In den Fablabs gibt es 3-D-Drucker, mit denen man eigene Entwürfe ausdrucken kann. Dadurch ist es keine Hexerei mehr, selbst Dinge zu produzieren. Dazu kommt, dass man etwas zusammenbaut, das nachher funktioniert. Ein Produkt, mit dem die Leute etwas anfangen, lernen und sich neue Horizonte eröffnen können. Was ist Ihre Motivation, Maker-Fähigkeiten zu vermitteln? Ich will vor allem zeigen, wie einfach das Selberbauen ist und Menschen dazu animieren, es selbst zu versuchen. Ausserdem bin ich der Meinung, dass nach der Generation der Digital Natives die der Digital Makers kommen wird. Diese Digital Makers werden nicht nur Konsumenten sein, sondern auch eigene Ideen mit aktuellen Technologien verwirklichen. Programmieren und Hardware selbst zusammenbauen, das klingt sehr anspruchsvoll. Wie schwierig ist das tatsächlich? Ohne Ausbildung ist das nicht so einfach möglich. Die Einstiegshürden sind mit der Einführung des Arduino 2005 aber rapide gesunken. Mit ihm kam ein Prozessor-Board, das sich einfach programmieren lässt. Mit den darauf aufbauenden Arduino- Shields können sehr viele verschiedene Geräte angesteuert werden. Damit braucht man eigentlich kein Wissen über die Hardware mehr. Man muss sich nur noch um die Programmierung kümmern. Wie sind die Bedingungen für Maker in der Schweiz? Gut. Die Schweizer haben eine hohe Affinität zur Technik. Man will hier immer gern das Neueste haben. Ausserdem tragen Fablabs, Maker-Meet-ups und Crowdfunding-Plattformen sehr viel zur Maker-Szene bei. Alles, was ein Maker braucht, ist im Grunde vorhanden. Von der günstigen Hardware bis hin zu Open-Source-Software. Ein Problem sehe ich eher darin, dass noch relativ wenige Leute von diesen Dingen wissen. Es gibt zwar eine sehr aktive Community. Die ist aber eher in sich geschlossen. Man müsste die Maker-Ideen mehr nach aussen tragen. Ausserdem fehlt eine Strategie, wie die Maker-Bewegung beworben werden könnte. CH Open hat dieses Problem bei der Open Source gelöst, indem mit anderen Vereinen Partnerschaften eingegangen wurden. Dadurch war es möglich, ein viel grösseres Publikum zu erreichen. Was haben Unternehmen davon, wenn wir zu Makern werden? Für die Industrie ergeben sich mit der Maker-Technik mehr Möglichkeiten, auf den Kunden einzugehen. Eine wichtige Anforderung der Digitalisierung, den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen, kann sie so besser erfüllen. Ein Unternehmen kann einen Prototyp schneller produzieren, seinen Kunden zeigen und Fehler korrigieren. Und das, ohne vorher viel Geld investieren zu müssen. Ich glaube ausserdem, dass Maker den Unternehmen neue Denkweisen und mehr Kreativität bieten können. Wenn die aktuelle Schülergeneration in die Firmen einzieht, hat sie erstens eine hohe Bereitschaft, immer wieder Neues zu lernen. Zweitens hat sie gelernt, wie man etwas selbstständig analysiert und sich erarbeitet. Dadurch kann sie schneller auf neue Strömungen reagieren, sich Wissen aneignen und es im Idealfall auch umzusetzen. Wie erreicht man die Menschen, die nicht mehr in die Schule gehen? Da braucht es sehr viel Überzeugungsarbeit. Es reicht nicht, ein Bildungsangebot aufzubauen. Man muss die Leute auch dazu bringen, es zu nutzen. Bei den Erwachsenen ist eine Angst vor der Digitalisierung vorhanden. Wir müssen zuerst versuchen, ihnen diese Angst zu nehmen und mit einfachen Beispielen aufzuzeigen, was die Maker-Fähigkeiten bringen. Dann können Kurse folgen. Für mich ist aber klar, dass Politik und Standortförderung in diesem Bereich früher oder später gemeinsam aktiv werden müssen. Das ist meiner Meinung nach überlebensnotwendig, wenn die Schweiz ein innovatives Landes bleiben will. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_61884 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 16 / 2017

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