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Netzwoche 16/2019

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22 Business Nachgefragt

22 Business Nachgefragt « Die am wenigsten digitale Partei wird gewinnen » Welche Partei ist in Sachen Digitalisierung am versiertesten? Wie verändern die Wahlen die Schweizer Digitalpolitik? Lukas Golder, Co-Leiter des Forschungsinstituts GfS Bern, kennt die Antworten. Er spricht darüber, welche IT-Themen die Wähler bewegen und welche Partei die überzeugendste Strategie fährt. Interview: Joël Orizet « Wenn ich Bundesrat wäre, würde ich sehr gerne den Reset-Knopf drücken. » Lukas Golder, Co-Leiter des Forschungsinstituts GfS Bern Den vollständigen Artikel finden Sie online www.netzwoche.ch Alle sprechen von Digitalisierung. Aber wie wichtig ist das Thema wirklich für die Schweizer Parteien? Lukas Golder: Das Thema ist im Kommen: Wer vor zehn Jahren ein Auto suchte, ging mehr oder weniger direkt zu Autoverkäufern der Garage seiner Lieblingsmarke und liess sich zu Typen beraten. Wer heute in die Garage kommt, hat meistens schon 30 verschiedene Modelle ge googelt und das Auto und den Typ fixfertig online konfiguriert. Die Verkäuferin kann also nur noch beraten, ob weisses oder schwarzes Alcantara-Leder besser zum Sport lenkrad passt. Parteien sind Gemischtwarenläden und müssen dringend eine digitale Marke aufbauen und Wählerinnen und Wähler digital ansprechen. Die erste Abstimmung in der nun abgelaufenen Legislatur über die Durchsetzungsinitiative 2016 war gemäss Dani Graf, dem Digitalpionier in der Demokratieszene, eine Zäsur im digitalen Wahlkampf und brachte die höchste Teilnahmerate seit der EWR-Abstimmung von 1992. Eine unglaubliche, digital befeuerte Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Nun müssen die Parteien nachvollziehen, was beispielsweise die Operation libero damals vormachte. Ich sehe 2019 als definitiven Übergang ins Zeitalter der datengestützten Ansprache von Wählerinnen und Wählern. Zwar sind traditionelle Kanäle noch viel wichtiger und werden auch breiter beachtet. Aber die Neueinbindung moderner Wählerinnen und Wähler geschieht digital. Welche Partei hat Ihrer Meinung nach die überzeugendste Digitalstrategie? Wir von GfS Bern sind selbst für die FDP bei der Datenanalyse tätig und unterstützen das gezielte Vorgehen im Wahlkampf von Tür zu Tür. Die internationale Forschung zeigt: Wenn Massenmedien unwichtiger werden, dann können digitale Kanäle nicht die gleiche Wirkung entfalten. Damit bleibt fast nur die persönliche Ansprache entweder über Stände oder besser direkt an der Tür. Die SP war mit ihrer Telefonaktion bereits vor vier Jahren die klare Trendsetterin in diese Richtung und ist diesbezüglich am weitesten. Sie baut nun auch ihr digitales Kampagnenpotenzial systematisch auf. Die SP profitiert von einer guten Struktur und unglaublich motivierten Anhängerinnen und Anhängern on- und offline. Die SVP übernimmt mit ihrem Wahlkampf-Film ein Erfolgsrezept von vor vier Jahren: Professionell gemacht mit viel Reichweite. Ich bin nicht sicher, ob diese Rechnung aufgeht, denn mir fehlt die persönliche Ansprache. Die CVP setzt auf ein klassisches Onlinemarketing mit viel gutem Video- Content und fischt dabei etwas plump über Google-Ads bei anderen Parteien, um die eigene Marke digital aufzubauen. Am wenigsten machen die Grünen: Sie stufen den Datenschutz höher ein als eine systematische Onlinekampagne. Da die Grünen voraussichtlich die grössten Sieger der Wahlen am 20. Oktober sein werden, kann man verkürzt sagen: Die am wenigsten digitale Partei wird gewinnen. Wie könnte sich mit der Zusammensetzung von Parlament und Bundesrat die Digitalpolitik der Schweiz ändern? Noch fehlt der Ruck für eine lebhafte Start-up-Szene. Das traue ich am ehesten Zürich zu, weil viel Geld auf viel Knowhow und Kreativität trifft. Die Schweizer Kultur muss aber unternehmerisches Scheitern tolerieren lernen. Da erhoffe ich mir noch mehr, vielleicht auch überraschende Impulse vom neuen Parlament aus Bern. Wenn das auf die ganze Schweiz ausstrahlt: umso besser! Auf der anderen Seite hinkt der Staat mit der Digitalisierung eher hinterher, da wäre ein digital-affines Parlament und vor allem auch eine Verwaltung dringend erwünscht. Ich bin überzeugt, dass eine digitale Verwaltung näher an den Bürgerinnen und Bürgern ist, Steuern spart und Fehler vermeidet. Ich bedaure auch die Entwicklung von E-Voting. Die Teilnahmeraten von Jungen an Abstimmungen und Wahlen sinken wieder und ein von Hand geschriebener Brief ist für viele «out». Wenn ich Bundesrat wäre, würde ich sehr gerne den Reset-Knopf drücken, rasch eine Gesetzeslösung vorschlagen und aktiv eine analoge Volksabstimmung suchen. Mit einem analogen Ja hätte das Thema die nötige Legitimität. Ich beurteile E-Voting als wichtige Infrastruktur einer digitalen Demokratie, die auch Junge auf dem präferierten Kanal erreichen kann. 16 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Nachgefragt 23 « Die stärkste Kraft ist nicht die Technologie » Am 28. Oktober geht im Casino Bern das CNO Panel 2019 über die Bühne. Mit dabei: Venkat Venkatraman, Professor an der Boston University Questrom School of Business. Ein Gespräch über digitale Transformation, neue Aufgaben für das Management und Ökosysteme. Interview: Oliver Schneider Digitalisierung und digitale Transformation – worin besteht der Unterschied aus Ihrer Sicht? Venkat Venkatraman: Vereinfacht ausgedrückt ist Digitalisierung die Anwendung und Nutzung einer Vielzahl einschlägiger Technologien für Geschäftsaktivitäten wie die Neugestaltung von Produkten mit Sensoren, die Umstrukturierung von Prozessen mit Daten und künstlicher Intelligenz oder die Verbesserung der Leistungserbringung für Kunden mit mobilen, sozialen und Cloud-Funktionen. Die digitale Transformation beinhaltet die Änderung der Geschäftsmodelle und Organisationsformen, um die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen und einen höheren Anteil am wirtschaftlichen Wert als bisher zu erzielen, indem bestehende Strategien und Organisationen einfach mit digitalen Mitteln kombiniert werden. Die eigentliche geschäftliche Herausforderung besteht darin, das Unternehmen zu transformieren, um die Stärke und Vielfalt der digitalen Technologien voll auszuschöpfen und die Zukunft zu gestalten. Was ist die stärkste Triebkraft der digitalen Transformation? Die stärkste Kraft ist nicht die Technologie. Die Transformation ist nicht als technologischer Schub zu verstehen. Die stärkste Kraft ist das breite Spektrum an Leistungen, das an die Kunden weitergegeben werden kann. Die etablierten Unternehmen haben vielleicht definiert, wie der Mehrwert geliefert werden soll, aber jetzt bieten digitale Riesen wie Amazon, Alibaba und Apple sowie neue Unternehmen – Netflix, Tesla, Spotify und Didi – den Kunden, die Technologie nutzen, einen neuen Wert. Unternehmen müssen die Probleme des Kunden betrachten und sie mit Technologie lösen. Das ist die treibende Kraft. Wie wirkt sich das auf die Unternehmensstrategie aus? Die Unternehmensstrategie muss nun die Macht der Technologie widerspiegeln. Sie kann nicht mehr gestaltet werden, ohne die digitale Welt mitzudenken. Und das Management muss über die sich verändernde Konkurrenzsituation nachdenken. Zu ihren Mitbewerbern gehören nun drei Gruppen von Akteuren. Welche sind das? Erstens ihre traditionellen Konkurrenten, die die Vorteile der Technologie genutzt haben und bereits auf dem besten Weg sind, ihre Strategien zu ändern. Zweitens grosse digitale Riesen, die ich bereits erwähnt habe. Und drittens agile, ehrgeizige Start-ups, die ihre Innovationen auf neuen digitalen Technologien aufbauen. Die Unternehmensstrategie sollte ausserdem als Experimentierfeld betrachtet werden, um das aktuelle Geschäftsmodell mit digitalen Technologien zu stärken und die bestehenden Annahmen zu hinterfragen – um sich selbst proaktiv zu disruptieren, bevor es Wettbewerber tun. Alle reden heute über Ökosysteme. Inwiefern unterscheiden die sich vom traditionellen Verständnis der Branchen? Digitale Business-Ökosysteme überschreiten traditionelle Grenzen, während industrielle Lieferketten innerhalb definierter Branchen bleiben. An den Verkehrs-Ökosystemen von morgen werden beispielsweise Automobilhersteller wie Daimler und Toyota, digitale Unternehmen wie Googles Waymo und Apples Carplay, Telekommunikationsunternehmen wie Swisscom oder Verizon, Karten-Provider wie Tomtom, Computerchiphersteller wie Nvidia und Cloud-Anbieter wie Amazon und Microsoft beteiligt sein. Die Dynamik dieser digitalen Business-Ökosysteme muss verstanden werden, um ihre Rolle und Relevanz während des Wandels vom Industriezeitalter zum digitalen Zeitalter zu kennen. « Die Unternehmensstrategie muss nun die Macht der Technologie widerspiegeln. » Venkat Venkatraman, Professor an der Boston University Questrom School of Business www.netzwoche.ch © netzmedien ag 16 / 2019

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