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Netzwoche 18/2016

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22 People Live

22 People Live «Wichtiger als ein ‹Big Bang› ist mir die schrittweise Weiterentwicklung» Seit mehr als 20 Jahren ist Gabriela Keller bei Ergon Informatik tätig. Anfang dieses Jahres stieg sie zur CEO auf. Im Interview erzählt sie, wie ihren ersten 100 Tage im neuen Amt verliefen, was sie für die Zukunft plant und warum sie eigentlich schon länger als 100 Tage im Sattel sitzt. Interview: Christoph Grau Wie fühlt es sich an, jetzt Ergon-Chefin zu sein? Gabriela Keller: Es fühlt sich gut an, und es macht vor allem Spass. Wir sind ein super Team. Ich spüre viel Unterstützung auch von den Mitarbeitern. Ich muss aber auch viel Neues lernen, obwohl ich schon lange in der Geschäftsleitung tätig bin. Es ist spannend. Wie ging der Generationenwechsel bei Ergon vonstatten? Die GL fällte 2010 den Entscheid, eine bewusste Verjüngung beziehungsweise eine Nachfolge lösung einzuleiten. Wir initiierten dann einen fünfjährigen Prozess, ohne am Anfang genau zu wissen, wohin er führt. Zuerst machten wir mit dem Management-Team eine Weiterbildung. Wertschätzung. Ich glaube, die Mitarbeiter freuen sich, dass ich die Aufgabe übernommen habe. Als Frau in einer Tech-Firma ist es immer noch etwas Besonderes. Wo Sie es gerade ansprechen. Auf dem Foto der Geschäftsleitung von Ergon sind Sie die einzige Frau unter sieben Männern. Gerade in der Chefetage und bei den Entwicklern sind Frauen eher selten. Wie sieht es bei Ergon aus? Wir sind eine Engineering-Firma und die Zusammensetzung unserer Firma entspricht dem Schnitt der Branche und dem der ETH-Studierenden. Wir liegen bei 15 Prozent Frauenanteil. Ich freue mich sicherlich, wenn der Frauenanteil steigt, kann dies jedoch nur bedingt beeinflussen. i ZUR PERSON Gabriela Keller ist CEO von Ergon Informatik. Im Anschluss an ihr Informatikstudium an der ETH war sie Assistentin am Institut für Informationssysteme, bevor sie 1994 als Softwareentwicklerin und Projektleiterin zu Ergon kam. Seit 2000 ist sie Mitglied der Geschäftsleitung, verantwortlich für die Bereiche Personal und Marketing und seit Mitte 2016 CEO des Schweizer Softwareunternehmens. Im Jahr 2002 schloss sie ein FH-Nachdiplomstudium in Unternehmensführung ab und absolvierte von 2010 bis 2012 einen CAS an der HSG in «Unternehmerisches Executive Management». Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Laufen, Velo- oder Skifahren in den Bergen und im Tessin. Sie lebt mit ihrem Partner in Wollerau SZ. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode NW181631 Wie sah diese Weiterbildung konkret aus? Das Programm der Uni St. Gallen war spezifisch auf uns und unsere Firmenkultur zugeschnitten. Die Erkenntnisse der Ausbildung setzten wir in der Ergon um. Wir stiessen intern den Prozess gemeinsam mit denjenigen Mitarbeitern an, die mitmachen wollten, die neue Ergon-Strategie und das Leitbild für 2016 zu entwickeln. Wie haben Sie dann den Wechsel umgesetzt? Danach verlagerten wir den unternehmerischen Handlungskern stärker in die Abteilungen und bildeten Leitungsteams als Ergänzung zu den Abteilungsleitern. Zuletzt erarbeiteten wir im Sommer 2015, also ein Jahr vor der Umsetzung, auch den Vorschlag, wie wir die neue Geschäftsleitung zusammensetzen wollen. Im Herbst fingen wir an, gewisse Themen bereits im neuen Gremium zu bearbeiten. So führten wir die neuen Kollegen in ihre neue Rolle ein. Die Mitarbeiter informierten wir laufend. Und die Mitarbeiter stimmten den Veränderungen zu? Im Januar 2016 führten wir dann eine Befragung unter den Mitarbeitern durch und wollten wissen, ob sie mit den Veränderungen einverstanden sind. Sie konnten dabei auch kundtun, welche Chancen und Risiken sie sahen. Es gab eine breite Zustimmung. Hat sich der Umgang der Mitarbeiter mit Ihnen verändert? Nein. Er ist gleich geblieben. Ich spüre Anerkennung und Hat sich in den letzten zehn Jahren nur wenig getan? Es geht nur sehr langsam vorwärts, aber es geht sicherlich in die richtige Richtung. Wir stellten dieses Jahr vier Ingenieurinnen ein, und aktuell sind zwei ETH-Studentinnen als Praktikantinnen bei uns. Es laufen gute Initiativen, die Attraktivität der IT-Berufe bekannter zu machen. Für die Branche ist wichtig, dass sowohl Männer wie auch Frauen angesprochen werden, in die Informatik zu gehen. Wir müssen zeigen, wie spannend unser Job ist und welche Möglichkeiten wir haben. Macht es Sie stolz, dass die «NZZ» Ergon Informatik in einem Firmenporträt als «Zürichs Gegengewicht zu Google» bezeichnet hat? Es ist schon schön, wenn man im gleichen Atemzug wie Google genannt wird. In diesem Sinne ehrt es mich auch ein bisschen. Aber es gibt eigentlich keine Fakten, mit denen man eine solche Aussage belegen könnte. Wir suchen auch nicht bewusst den Vergleich mit Google. Unsere Tätigkeiten sind recht unterschiedlich. Was wir wollen, ist als Arbeitgeber ähnlich attraktiv zu sein wie Google. Dass Google in Zürich ist, sehe ich sehr positiv. Denn es hilft dem Standort Zürich extrem, auch wenn das Unternehmen mit den lokalen Dienstleistern bei den Fachkräften im Wettbewerb steht. Was haben Sie in den bisher rund 100 Tagen als Chefin erreicht? Wir sind als neues Geschäftsleitungsteam zusammengewachsen. Wir arbeiten zwar schon jahrelang zusammen, 18 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

23 aber die meisten von uns haben jetzt eine neue Rolle. Es sind viele neue Ideen und es ist viel Energie vorhanden, die wir priorisieren müssen. Die ganz grossen Veränderungen haben Sie also noch nicht angestossen? Bei einer erfolgreichen Firma braucht es keine grossen Veränderungen. Ich möchte es mit Bedacht angehen und in Ruhe überlegen, mit welchen kleineren Schritten wir vorankommen. Die schrittweise Weiterentwicklung ist mir wichtiger als ein «Big Bang». Ergon ist in den letzten Jahren immer sehr stark gewachsen. Von unter 100 Angestellten Anfang der 2000er-Jahre bis über 250 heute. Damit haben Sie sozusagen die KMU-Grenze überwunden. Welche Probleme bringt dieses Wachstum mit sich? Die Mitarbeiterzahl ist in den letzten zwölf Jahren jährlich um 10 Prozent gewachsen. Dabei war das Wachstum nie unser eigentliches Ziel, sondern ist die Konsequenz unseres Erfolgs. Wir haben tolle Projekte mit bestehenden Kunden und gleichzeitig Chancen wahrgenommen, neue Kunden und Themen anzugehen. Bei uns ist es eher umgekehrt: Wir beschränken unser Wachstum nach oben, weil wir nur so viel wachsen wollen, dass wir die neuen Mitarbeiter gut integrieren können. Aber Wachstum ist schon eine permanente Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Können Sie ein Beispiel nennen? 2014 ergänzten wir die Abteilungsleiter um ein Leitungsteam, um mehr Managementkapazitäten zu haben. Damit musste nicht mehr eine einzelne Person die ständig wachsende Abteilung betreuen. Nun können die Abteilungen auch wieder grösser werden. Sie sehen also noch kein unmittelbares Ende des Wachstums? Ich kann mir schon vorstellen, dass sich das Wachstum irgendwann verlangsamt. Es gibt natürlich begrenzende Faktoren, wie etwa die Anzahl der Ingenieure, die ausgebildet werden. Dazu fällt mir eine Anekdote ein. Im Zuge der Vorbereitung für das Jubiläum des Vereins der Informatikstudenten der ETH Zürich trug ich ein paar Fakten zusammen. Es gibt bis heute knapp 2700 ETH-Absolventen, also Master- oder vorher Diplom-Absolventen. Knapp 130 von ihnen sind heute für Ergon tätig, dies sind ungefähr 5 Prozent aller bisherigen ETH-Absolventen. Diesen Anteil möchten wir gern halten. Was werden für Ergon in den nächsten Jahren die zentralen Bereiche sein? Wir sind bewusst sehr breit aufgestellt. Damit wollen wir eine zu starke Abhängigkeit von einzelnen Branchen verhindern. Zudem macht es die Arbeit für uns auch spannender, denn unsere Mitarbeiter können verschiedene Bereiche kennenlernen. Daran wollen wir festhalten. Momentan machen wir mit unseren Sicherheitsprodukten rund ein Viertel unseres Umsatzes, und ich glaube, dass dies auch in etwa so beibehalten wird. Die vielen Digitalisierungsprojekte kommen uns insofern entgegen, da es häufig sehr komplexe Fragestellungen sind. Mit unserem « Ungefähr 5 Prozent aller Informatik-Absolventen der ETH arbeiten bei uns. » Gabriela Keller, CEO, Ergon www.netzwoche.ch © netzmedien ag 18 / 2016

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