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Netzwoche 5/2019

10 Business Nachgefragt

10 Business Nachgefragt « Nicht überall, wo KI draufsteht, ist auch tatsächlich KI drin » Künstliche Intelligenz (KI) rückt immer mehr ins Zentrum des Interesses. Andy Fitze, Co-Founder von Swisscognitive, Präsident des Swiss IT Leadership Forum und Vorstand bei Swiss-ICT und ICT-Switzerland, spricht über KI in der Schweiz, Algorithmen in Spitälern und über Dampfloks. Interview: Oliver Schneider « Wichtig ist das Kuratieren von verschiedenen Technologien, Konzepten und Talenten, damit sie in neue, smartere Produkte und Dienstleistungen übergeführt werden können. » Andy Fitze, Co-Founder Swisscognitive, Präsident Swiss IT Leadership Forum, Vorstand Swiss-ICT und ICT-Switzerland Künstliche Intelligenz ist omnipräsent, das Interesse daran ist gross. Wie stark ist KI bereits in Schweizer Firmen angekommen? Andy Fitze: Im Jahr 1946 setzte die Dampflok «S 1 No. 6100» der Pennsylvania Railroad mit 227,2 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord. Sie war damit ihrer Zeit weit voraus. «Weiten» existieren auch in Bezug auf künstliche Intelligenz. Es gibt Firmen, welche die Pace setzen, und andere, die gemütlich durch die Landschaft tuckern. Erfreulicherweise hat das Interesse an echten praktischen Use Cases, Projekten und Technologien in der Schweiz in den letzten zwei Jahren massiv zugenommen. Es gibt sie, die Pennsylvania-Loks: Firmen, die neue, intelligente Technologien als Chance begreifen, ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Sie sind gleichsam die superschnellen «S1»-Dampfloks der KI-Zeit, die «AI Advanced Pioneers». Dank ihres Muts führen sie den Kunden, dem Markt, den Mitarbeitern und der Konkurrenz vor, wie man zusammen mit Partnern KI-Kompetenzen schnell und zielgerichtet aufbaut. Welche Use Cases für KI überzeugen Sie am meisten? Wenn Algorithmen in einem portugiesischen Universitätsspital helfen, Leben zu retten, weil sie Ärzte und Pfleger dabei unterstützen, Patienten früh genug auf die Intensivstation zu verlegen, dann bin ich tief beeindruckt. Ganz allgemein gesagt finde ich es absolut faszinierend, wenn mit solchen smarten Technologien Rettung, Diagnose, Therapien und letztlich Heilung für Menschen möglich wird, die bislang von einfachster medizinischer Betreuung ausgeschlossen waren. Ich denke hier an den Grünen Star, an Hautkrankheiten, an die Möglichkeit, die Immunität zu verbessern, und vieles andere mehr. «AI for Good» werden all die Anstrengungen genannt, mit neuesten smarten Technologien die 17 «Sustainable Development Goals» der Uno zu erreichen. Diese Ziele sind im Hinblick auf das Verständnis für KI zentral. Die Schweiz übernimmt bei der Weiterentwicklung dieses Programms eine wichtige Rolle, sind doch viele zentrale Aufgaben in Genf angesiedelt. Ist das, was Unternehmen heute einsetzen, wirklich schon KI oder nicht vielmehr durch Algorithmen befeuerte Statistik? Es stimmt schon: Nicht überall, wo KI draufsteht, ist auch tatsächlich KI drin. Wer sich als Leader oder Technologieexperte mit den Möglichkeiten von smarten Technologien auseinandersetzt, wird rasch erkennen, dass sowohl neuste Deep-Learning-Algorithmen wie auch bessere Statistiken ihren Platz und ihre Berechtigung haben. Wichtig ist das Kuratieren von verschiedenen Technologien, Konzepten und Talenten, damit sie in neue, smartere Produkte und Dienstleistungen überführt werden können. Wer das nicht tut, wird an der Firmenkultur und an fehlenden Talenten scheitern, und nicht an der Technologie. In diesen stürmischen Zeiten der «künstlichen Intelligenz» ist also echte menschliche Leadership gefragt und vordringlich. Warum ist Cloud Computing für eine KI-Strategie wichtig? Cloud Computing ist nicht nur wichtig, es ist absolut zentral. Allerdings wird «Cloud» immer noch (zu) oft als «Economy of Scale» verstanden: als tiefer Preis pro Einheit. Das ist nicht nur falsch und irreführend, sondern verhindert auch, dass wir am echten Potenzial der Cloud teilhaben können. Die Cloud ist nicht einfach die bessere Kostenstruktur. Die Cloud bedeutet «Economy of Scope» mit neuen Zugängen zu Funktionalität und Businessnetzwerken, die inhouse schlicht nicht zu haben sind. KI hat sich exakt diesem Konzept verschrieben – KI-Services werden heute global angeboten und weiterentwickelt. Die KI-Räder immer wieder aufs Neue selbst zu erfinden, ergibt schlicht keinen Sinn. i VERANSTALTUNG Eurocloud Swiss veranstaltet am 3. April einen Event zum Thema «KI» Die Cloud ist Treiber für den erfolgreichen Einsatz von künstlicher Intelligenz in Unternehmen. Eurocloud Swiss wird am 3. April 2019 dieses Thema zusammen mit Experten und einem interessierten Publikum diskutieren und Erfahrungen austauschen. www.eurocloudswiss.ch Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_129568 05 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Nachgefragt 11 « Ich sehe in der Automatisierung eine Riesenchance für die Schweiz » Gian-Luca Bona ist Direktor der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa und Professor für Photonik an den ETHs in Zürich und Lausanne. Im Interview spricht er über aktuelle IT-Projekte an der Empa und die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Berufswelt. Interview: Oliver Schneider Welches IT-Projekt an der Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt, kurz Empa, begeistert Sie aktuell am meisten? Gian-Luca Bona: Das ist schwer zu sagen, denn wir arbeiten an vielen spannenden Projekten. Angefangen bei der Nanotechnologie, wo wir Materialeigenschaften von wenigen Atomen in Reaktionen studieren, bis hin zu IT-Projekten wie dem Energy Hub Demonstrator. Worum geht es bei diesem Projekt? Wir wollen herausfinden, wie man Quartiere oder ganze Stadtteile energetisch modellieren kann. Das tun wir, indem wir Daten erfassen und dann Vorhersagen treffen, welche Sanierungen aus Energie-Sicht optimal wären. Also zum Beispiel, welche Isolationen, welche Wärmepumpen oder welche Energieverteilung im Quartier sinnvoll wären. Das Projekt hängt eng mit der Energiestrategie 2050 des Bundes zusammen, bei der wir auf eine optimale Nutzung erneuerbarer Energien und Minimierung des CO2-Ausstosses hinarbeiten. Beim Namen Empa denkt man nicht direkt an digitale Technologien. Welchen Stellenwert hat IT bei Ihnen? Einen stark wachsenden. Das hängt damit zusammen, dass die Empa heute eine Forschungsinstitution für Materialien und Technologien ist – und Materialien sind die Grundlage jeder IT-Lösung. Wenn wir also Materialforschung betreiben, beteiligen wir uns an der Entwicklung digitaler Technik und versuchen ausserdem von Beginn an, diese Technik bei der Forschung anzuwenden. Zum Beispiel, indem wir sogenannte Digital Twins entwickeln. Das sind umfassende Abbildungen physischer Daten in digitalen Systemen. Diese Kombination führt zu ganz neuen Erkenntnissen und Möglichkeiten. Und wir können bei der Entwicklung viel schneller reagieren und von Lösungen lernen. Digitalisierung und Automatisierung haben nicht nur Potenzial, sie sind auch umstritten. Es ist von Arbeitslosigkeit und dem Verlust von beruflichen Identitäten die Rede. Wie sehen Sie das? Ich sehe in der Automatisierung eine Riesenchance für die Entwicklung der Schweiz. Wenn wir diese Chance nicht nutzen, werden es andere tun und uns an den Rand drängen. Ich bin mir aber auch bewusst, dass die Technik, etwa von einem Maurer, als Bedrohung wahrgenommen werden kann. Sein Berufsbild wird sich verändern, wie das zuvor schon in anderen Wirtschaftszweigen geschehen ist, etwa in der Autoindustrie. Die klassischen Berufe werden in Bezug auf die technischen Kenntnisse zwar anspruchsvoller, das kann aber auch seine Vorteile haben, gerade in Berufen mit hoher Unfallgefahr. Mit 60 hat der Bauarbeiter dann keinen kaputten Rücken mehr, sondern drei Umschulungen hinter sich. Wie will die Empa die digitale Zukunft der Schweiz aktiv mitgestalten? Wir als Forschungsinstitution für Materialien wollen uns dem digitalen Umfeld öffnen, indem wir unser Know-how auf Plattformen breit zur Verfügung stellen. Wir nennen das «Open Innovation». Ausserdem entwickeln wir uns stetig weiter und investieren etwa in die Bereiche Big Data, künstliche Intelligenz und Machine Learning. Hier ist vor allem die internationale Kooperation wichtig. Für die Schweiz mit ihren vielen Technologiefirmen sehe ich in all dem viel Potenzial. Dieses Potenzial muss man nutzen. Sich abzuschotten, ist keine Lösung. « Wir investieren in Big Data, künstliche Intelligenz und Machine Learning. » Gian-Luca Bona, Direktor der Empa i VERANSTALTUNG Digital Economic Forum: «Welt ohne Arbeit?» Schaffen wir durch neue Technologien wie künstliche Intelligenz die menschliche Arbeit ab? Oder führen Digitalisierung und Automatisierung dazu, dass wir unsere Zeit für höherwertige oder kundenorientierte Tätigkeiten einsetzen können? Diese und viele weitere Fragen beleuchten und diskutieren Gian- Luca Bona und andere hochkarätige Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis am Digital Economic Forum am 9. Mai 2019 in Zürich. Tickets und Informationen: www.digitaleconomicforum.ch Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_129242 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 05 / 2019

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