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IT for Health 02/2017

GESELLSCHAFT &

GESELLSCHAFT & POLITIK « Die Zukunft der Apotheken liegt nicht mehr im Verkauf von Medikamenten » Apotheken sind nicht gesetzlich dazu verpflichtet, ein elektronisches Patientendossier (EPD) anzubieten. Dennoch wirbt der Branchenverband Pharmasuisse bei seinen Mitgliedern für das EPD. Warum? Didier Ray, Vorstandsmitglied bei Pharmasuisse, erklärt, weshalb sich das Geschäft für Apotheken drastisch verändern wird und warum sich das EPD für Apotheker lohnen könnte. Interview: George Sarpong Wie ist der Digitalisierungsgrad Schweizer Apotheken? Didier Ray: Die Schweizer Apotheken sind zu über 99 Prozent digitalisiert. Es gibt praktisch keine Apotheke, die ohne EDV arbeitet. Die Apotheken begannen schon vor Jahren, ihre Systeme und Arbeitsprozesse zu digitalisieren. Allein schon wegen der Abrechnungen der Medikamente bei den Krankenkassen und der vorherigen Prüfung der Sicherungsdeckung der Patienten über Systeme wie Covercard oder Veka. Hierbei wird vor der Abgabe eines Medikaments an den Kunden geprüft, ob die Versicherung das gewünschte Medikament in der Grund- oder Zusatzversicherung bezahlt. Auch die Abrechnung läuft seit Jahren elektronisch über die EDV-Systeme. Für die Abrechnung benötigen wir auch die Zusammenarbeit mit Clearingstellen wie Medidata, Ofac oder Ifak. Die sichere und geschützte Übertragung aller Daten wird über eine Health Professional Card gewährleistet. Woher kommt der Druck, zu digitalisieren? Der Druck ist sehr gross, allein schon wegen der Lagerbewirtschaftung. Eine Apotheke muss etwa 5000 Produkte verwalten. Daneben gibt es Internetzugänge, die nicht direkt in die ERP-Systeme integriert sind und über das Web erreicht werden können. Können Sie ein Beispiel nennen? Ein Beispiel ist das von Pharmasuisse initiierte Pharmasuisse- Net. Das ist eine B2B-Lösung, über die wir anonymisiert Daten sammeln für Studien, etwa um die Effektivität von Impfungen in einer Studie zu belegen. Ein anderes Beispiel ist eine Kampagne für Darmkrebs. Dieses Studienangebot wollen wir weiter ausbauen. Die Apotheken müssen kein elektronisches Patientendossier anbieten. Dennoch setzt sich Pharmasuisse im Rahmen seiner E-Health-Strategie dafür ein. Warum? Es kann nicht sein, dass Pharmasuisse das Thema E-Health aus sen vor lässt, während andere Gruppen von Leistungserbringern sich des Themas annehmen. Wenn wir jetzt nicht mitarbeiten, entstehen uns mittel- bis langfristig Nachteile. Wir können den E-Health-Trend also nicht verschlafen. Stattdessen wollen wir Voraussetzungen schaffen, die es den Akteuren erlauben, sich positiv für die bessere Qualität der Patientenbehandlung einzusetzen. Das EPD ist in hohem Interesse der Patienten, denn sie können von einer effizienteren und besseren Behandlungsqualität ausgehen, wenn die Leistungserbringer auf möglichst viele relevante Daten der Patienten zurückgreifen können. Ich bin überzeugt, dass sich die Qualität und die Effizienz der Behandlungen bei gleichzeitig tieferen Kosten durch die verfügbaren Daten verbessern wird. Didier Ray, Vorstandsmitglied bei Pharmasuisse. Der IT-Aufwand ist nicht unerheblich. Die IT-Sicherheit etwa dürfte sehr aufwändig werden. Inwieweit kann eine einzelne Apotheke den Aufbau und Betrieb eines EPD-Angebots überhaupt stemmen? Auf die Apotheken werden Investitionen zukommen. Was die IT-Infrastruktur angeht, dürften die zusätzlichen Kosten gering sein, da die Digitalisierung schon weit fortgeschritten ist. Die Kosten, die bei den Stammgemeinschaften anfallen werden, sind eine andere Sache. Diese müssen die Kosten für Aufbau und Unterhalt der technischen Plattformen wieder reinholen. 24

Wie hoch schätzen Sie die Kosten für eine Apotheke ein, die ein EPD anbieten will? Heute muss eine durchschnittliche Apotheke etwa 25 000 Franken pro Jahr für den IT-Betrieb einkalkulieren. In Zukunft mit dem EPD, aber auch durch Investitionen im B2B- und B2C-Bereich, dürften die IT-Kosten einer Apotheke schätzungsweise um etwa 50 Prozent steigen. Das ist auch abhängig davon, was man alles machen und anbieten will. Ich hoffe hier auf viel Wettbewerb der Anbieter in Sachen IT-Lösungen für elektronische Patientendossiers, aber auch bei sinnvollen Lösungen in den nicht minder wichtigen Bereichen des E-Commerce. Sonst wird es noch teurer. Wie kann eine Apotheke das stemmen? Rund 20 Prozent aller Apotheken erwirtschaften keine 50000 Franken Ebitda. Hier wird es vermutlich zu einer Marktbereinigung kommen. Das bedeutet leider auch, dass viele kleinere Apotheken, in Quartieren oder auf dem Land, wegfallen werden. Diese sind wegen der kurzen Wege insbesondere für ältere Patienten wichtig. Künftig werden etwa Patienten auf dem Land statt 5 bald 10 Kilometer fahren müssen, um die nächste Apotheke besuchen zu können. Und die anderen Apotheken? Die werden die Belastung stemmen können. Sie haben auch keine andere Wahl. Wenn eine Apotheke hier den Anschluss an die neuen digitalen Möglichkeiten verliert, werden andere in die Lücke springen wie etwa Onlineversender von Medikamenten und Pharmafirmen, die möglichst direkt an Patienten heranrücken wollen. Apotheken werden künftig ihre Umsätze ohnehin durch mehr Services erwirtschaften müssen. An ein florierendes Geschäft ausschliesslich durch den Medikamentenverkauf ist bei dem Preiszerfall in Zukunft nicht mehr zu denken. Das sind düstere Aussichten. Wie unterstützt Pharmasuisse seine Mitglieder? Wir bieten alles, was die Apotheker in Zukunft brauchen werden, um weiterhin erfolgreich im Markt bestehen zu können. Zudem vertreten wir die Interessen unserer Mitglieder gegenüber der Politik, den entsprechenden Ämtern, aber auch den Versicherern im Gesundheitswesen. So arbeiten wir nicht nur daran, bestehende Serviceleistungen adäquat vergütet zu erhalten, sondern auch alle potenziellen Leistungen der Apotheken in der Grundversorgung in die Leistungskataloge zu integrieren. Die Plattform zur Erfassung neuer Leistungen, die wir unter Pharma suisse-Net initiierten, wollen wir künftig mit den Plattformen der Stammgemeinschaft verknüpfen. Wir werden hierfür mit verschiedenen Anbietern von Stammgemeinschaften verhandeln, sodass Apotheker die freie Wahl haben und über verschiedene Stammgemeinschaften auf das System zugreifen können. Aus serdem versuchen wir durch den regelmässigen Austausch mit Anbietern von IT-Systemen für Apotheken, diese für die Bedürfnisse und Notwendigkeit zu sensibilisieren. Wir erarbeiten auch Pilotprojekte für neue B2B- und B2C-Lösungen etwa für Studien. Ansonsten überlassen wir die Entwicklung aber bewusst dem Markt. Und beim EPD? Pharmasuisse entschied sich, in den Aufbau einer Stammgemeinschaft zu investieren und begleitet im Moment den von Ofac, einer apothekereigenen Genossenschaft, initiierten Aufbau einer gesamtschweizerischen Stammgemeinschaft. Allerdings unter der Voraussetzung, dass weitere Leistungserbringer an Bord sind, respektive dem Unterfangen eine breite, interdisziplinäre Trägerschaft unterlegt wird. Wir wollen unsere Mitglieder aber nicht dazu drängen, sich einer bestimmten Stammgemeinschaft anzuschliessen. Im Gegenteil, jede Apotheke wird für sich entscheiden müssen, welcher Stammgemeinschaft sie angehören will, ob einer regionalen oder überregionalen oder beiden gleichzeitig. « Schweizer Apotheken sind zu über 99 Prozent digitalisiert. » Didier Ray, Vorstandsmitglied bei Pharmasuisse Wie wollen Sie und Ihre Mitglieder die Bürger davon überzeugen, ein Patientendossier bei Apotheken anzulegen? Pharmasuisse wird eine Kampagne lancieren, um Konsumenten für die Vorteile des EPDs zu sensibilisieren. Es hilft den Nutzern, die Behandlung und somit die Lebensqualität zu verbessern. In der Notfallstation brauchen heute die Anesthäsisten im Durchschnitt mehr als 30 Minuten, um einen Teil der wichtigsten Medikation eines ohnmächtigen Patienten zu eruieren. Das Vorliegen eines upgedateten EPD kann hier lebensrettend sein! Wie stellen Sie sich die Apotheke der Zukunft vor? Der Verkauf von Medikamenten wird nicht mehr reichen. Apotheker werden sich daher umorientieren und neue Services anbieten müssen. Die Aufgabe der Apotheke der Zukunft liegt daher darin, die Probleme der Patienten möglichst exakt zu erkennen und sofort zu lösen. Da ist das EPD sicher ein richtiger Weg, der durch die doppelte Freiwilligkeit der Patienten aber nur halbherzig beschritten wird. Jeder Patient kann Dinge streichen oder nicht kommunizieren. Das EPD ist für Apotheker daher unter diesen Umständen auch ein Hochrisiko. Das ist schade. Denn derzeit investieren Apotheken viel, ohne zu wissen, was der Return on Investment sein wird. Dennoch: Wenn die Apotheken die digitale Entwicklung verschlafen und die Bedürfnisse etwa junger Kunden ignorieren, stehen sie morgen wirtschaftlich schlecht da. Unsere Position als sehr vertrauenswürdige Fachpersonen und als Team, das ohne Termin jederzeit erreichbar ist, prädestiniert uns in der modernen Welt, wo man alles sofort will, jedem Menschen eine Lösung für seine Probleme anzubieten oder zu empfehlen. Vertrauen heisst auch Verantwortung. Die nimmt unser Berufsstand wahr, und darauf bin ich sehr stolz. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_54080 GESELLSCHAFT & POLITIK 25

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