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Netzwoche 11/2018

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18 Focus Start-ups

18 Focus Start-ups Edtech – die nächste grosse (R)Evolution Die Digitalisierung der Berufswelt wird bis 2030 voraussichtlich bis zu 800 Millionen Berufe vernichten. Jack Ma, CEO von Alibaba, sagte anlässlich des WEF 2018 in Davos: «Ändern wir heute nicht, wie wir unterrichten, dann haben wir in 30 Jahren grosse Probleme.» DER AUTOR Roman Bruegger Managing Director, Swiss Edtech Collider, EPFL Innovation Park Eine immer wichtigere Rolle spielt der Education-Technology-Sektor, der sich auf die Entwicklung neuer digitaler Technologien für die Bildung der Zukunft fokussiert. Bild: Association Mobsya / Swiss Edtech Collider Das Bildungswesen ist ein zentraler Bestandteil der Schweizer Wirtschaft, sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Sektor. Eine immer wichtigere Rolle spielt dabei der Edtech- (Education Technology)-Sektor, der sich auf die Entwicklung neuer digitaler Technologien für die Bildung der Zukunft fokussiert. Dabei ist zu beachten, dass es nicht «einen Edtech»- Sektor gibt, vielmehr zeichnet sich dieser durch eine grosse Vielfalt an verschiedenen Produkten und Dienstleistungen aus: eine App zur Minimierung des administrativen Aufwandes für Lehrpersonen im Kindergarten; Lernsoftware für Kinder, die an Legasthenie leiden; ein Roboter zum Programmieren; eine Plattform, um Kindern die Nachhaltigkeit der Solarenergie auf spielerische Weise näherzubringen; Virtual-Reality-Ausbildung für Spitäler; eine Onlineplattform mit «Micro-Education» für die betriebsinterne Weiterbildung; eine Anwendung mit «Gamification» und «adaptiven, intelligenten Lerneffekten» und vieles mehr. Eine Besonderheit des Edtech-Sektors ist auch dessen starke Fragmentierung: Jedes dieser Produkte oder Dienstleistungen ist auf eine unterschiedliche Zielgruppe in der Bildungswelt ausgerichtet und wird von einem anderen Unternehmen oder Start-up angeboten. Somit gibt es keinen offiziellen Katalog und deshalb ist es oft schwierig für einen Bildungsverantwortlichen, sich einen Überblick über das Angebot von Edtech zu verschaffen. Schweiz als Edtech-Hub Die Schweiz hat sich in den letzten Jahren zu einem starken Edtech Hub entwickelt. Vor allem dank Initiativen wie dem Swiss Edtech Collider – ein «Accelerator» und «Coworking Space» mit Fokus auf Bildungstechnologie in Lausanne – zog sie Edtech-Start-ups aus der ganzen Welt an. Die aktuell über 70 Swiss-Edtech-Collider-Start-ups, die sich mit den neuesten technologischen Innovationen im Bereich der digitalen Bildung beschäftigen, profitieren dabei von dem einmaligen Edtech-Ökosystem der in unmittelbarer Nähe liegenden Uni EPFL, die sich in den letzten Jahren selbst zu einem internationalen «hub for digital education» entwickelt hat. Die Schweiz hat sich in den letzten Jahren zu einem starken Edtech Hub entwickelt. Trotzdem ist das Wachstum für die meisten dieser Unternehmen (noch) oft relativ langsam, insbesondere für diejenigen, die auf öffentliche Bildungseinrichtungen abzielen. Ausnahmen bilden einzelne Start-ups, wie etwa Coorp academy, dem «Netflix für professionelle Weiterbildung» und grösstes Start-up im Swiss Edtech Collider. Die Entscheidungswege sind langwierig und decken sich nicht mit der «Überlebensstrategie» der einzelnen Start-ups. Interessant ist auch zu sehen, dass einige dieser Start-ups nicht gewinnorientiert sind und nicht davon träumen, in drei Jahren durch ein grösseres Unternehmen aufgekauft zu werden, sondern vielmehr den Ehrgeiz haben, sich zu entwickeln, Arbeitsplätze zu schaffen und die Bildung positiv und nachhaltig zu beeinflussen. Dies ist beispielsweise bei Mobsya und seinem Thymio-Roboter der Fall, der bereits mehr als 35 000 Mal an Schulen und Familien zu Bildungszwecken verkauft wurde. Der Edtech-Sektor mit seinen vielen unterschiedlichen Angeboten wird die Art und Weise, wie wir in Zukunft lernen und uns weiterbilden – sowohl in der Grundbildung wie auch im beruflichen Alltag –, stark beeinflussen: Schweizer Edtech-Start-ups haben sich zum Ziel gesetzt hier aktiv mitzuhelfen. 11 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Focus Start-ups 19 Start-up-Kultur: Wir fühlen’s nicht. Noch nicht. Wir sind Start-up! Zumindest wollen wir es. Leider sieht das aber niemand. Wer Start-ups hört, der denkt ans Silicon Valley, an Estland, Singapur, Tel Aviv, Shengzen, Berlin oder London. Die Liste ist lang, bevor Zürich oder Zug Erwähnung finden. Warum ist das eigentlich so? In der Schweiz ist man sehr bemüht, wenn es um Digitalisierung, Start-ups, Fintech, Crypto oder Blockchain geht. Und an schnellem Internet fehlt es auch nicht. Und dennoch funktioniert unser Imagebuilding nicht – weder nach innen und schon gar nicht nach aussen. Wir leben in einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt, und die Schweiz ist als rohstoffarmes Land schon immer auf ihre Innovationskraft angewiesen gewesen. Das Zeitalter der Digitalisierung müsste doch die grosse Chance sein. Und dennoch ziehen pausenlos weitere Standorte an uns vorbei. Was haben die, das wir nicht haben? Nichts. Und genau das scheint es zu sein. Digitalisierung erfordert den Mut zum Neustart, zum «ganz klein Anfangen». Wer wenig zu verlieren hat, hat eben auch ein geringeres Risiko – zumindest gefühlt. Beim Wort Start-up denken wir hierzulande doch sofort an Mark Zuckerberg, Elon Musk und Bill Gates, wir denken an Uber, Apple oder Facebook. Wir sagen zwar «Start-up», meinen aber internationale Grosskonzerne. Und hier wollen wir mitspielen. Dort einsteigen, wo wir uns seit Langem befinden – ganz oben. Wir wollen nicht der Steve Jobs sein, der in der Garage ohne Bezahlung an seinen Ideen bastelte. Wir wollen der Steve Jobs sein, der Millionen verdiente und messiasartig bewundert wurde. Arm, aber sexy – in Berlin geht das. In Zürich eher nicht. Wir haben es uns viel zu lange bequem gemacht im Angestelltengefüge unserer alteingesessenen Grossunternehmen, die doch alle selbst einmal Start-ups waren, auch wenn sie niemand so nannte. Die Digitalisierung läutet eine neue industrielle Revolution ein, es ist wieder mehr Eigeninitiative gefragt. Und es wird Zeit, dass wir unsere Luxusprobleme als solche erkennen und in Chancen umwandeln. Wir haben eine gesunde Volkswirtschaft im Rücken, deren grosse Player nun in der Pflicht stehen. Grossunternehmen könnten zu Paten und Partnern werden für junge Gründer. Ebenso kommt bereits erfolgreichen Start-ups eine gewisse Verantwortung zu. Politik, Medien und Gesellschaft – Digitalisierung ist keine alleinige Angelegenheit der Wirtschaft Digital wirtschaften kann nur, wer digital denkt. Zuallererst müssen daher die Köpfe digitalisiert werden. Und dies heisst nicht, technisiert. Digitalisierung steht vor allem für Neuanfänge und lebenslanges Lernen. Unser Leben hat an Geschwindigkeit gewonnen. Heute so, morgen anders und übermorgen wieder neu. Wir brauchen eine Kultur, die dies zulässt und positiv besetzt. Ü50, U30, mit Universitätsabschluss und ohne. Digitalisierung geht uns alle an. Wir können alle voneinander lernen, wenn wir uns gegenseitig den Neustart zugestehen. Wenn wir anerkennen, dass wir alle und ständig dazulernen. So können wir eine Gesellschaftskultur aufbauen, die stärker von Motivation und Ideen geprägt ist, statt von Hierarchien und Statussymbolen. Und klein anfangen kann somit wieder attraktiv werden. DIE AUTORIN Christina Kehl Swiss Finance Start-ups Illustration: relif / Fotolia.com S T A R T S M A L L T H I N K B I G www.netzwoche.ch © netzmedien ag 11 / 2018

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