Aufrufe
vor 2 Jahren

Netzwoche 5/2019

22 People Live zu immer

22 People Live zu immer mehr personalisierter Medizin, weg von der breiten Wirkung eines Medikaments für möglichst viele Menschen hin zu einer sehr gezielten Wirkung für eine bestimmte Krankheit für ganz bestimmte Menschen. Auch hier kommt der Servitization-Gedanke zum Tragen. Man könnte sich vorstellen, dass solche Behandlungen nur dann etwas kosten, wenn sie wirken. Es gibt bereits einige wenige Behandlungsmethoden, die so verrechnet werden. Die Pharmaindustrie verkauft damit also plötzlich keine Medikamente mehr, sondern Gesundheit. Gesundheit-as-a-Service also? Genau. Ein weiterer spannender Bereich ist der Retail. Man hört oft, dass es für den Handel düster aussieht. Ich bin aber nicht dieser Meinung. Klar ist für mich, dass die Ladenflächen noch einmal massiv schrumpfen werden und sich der Handel neu erfinden muss. Ich bin überzeugt, dass Mixed-Reality-Ansätze dabei eine grosse Rolle spielen werden. Technologie wird die Ladengeschäfte in Zukunft massiv verändern. Ich habe kürzlich mit einem CEO eines Unternehmens gesprochen, das Sanitärprodukte verkauft. Wir stellten uns vor, dass sich die Kunden gleich im Laden ansehen könnten, wie ihre neuen Badezimmerplättli in ihrem alten Badzimmer aussehen würden. Über eine Mixed-Reality-Anwendung wäre das möglich. Und man bräuchte auch noch weniger Ladenfläche dafür. Vielleicht wird man im Modehandel in Zukunft auch eine Art persönliches Körperprofil haben, das man wie Log-in- Daten mit dem Modegeschäft teilt, wenn man etwas einkaufen möchte. So könnten auch Onlinehändler ihr Retourenmanagement verbessern, weil die Kunden viel weniger retournieren würden. Heute bestellt man S, M und L und zwei Drittel schickt man wieder zurück. Das kostet viel Geld und ist ökologisch nicht nachhaltig. Wir haben das Know-how auch für Mixed-Reality-Projekte im Haus. Wir haben im industriellen Umfeld bei ThyssenKrupp und Jungheinrich etwa schon solche Anwendungen realisiert. Sie haben vorher auch von kulturellem Wandel im Zusammenhang mit Servitization gesprochen. Was müssen Unternehmen tun, wenn sie die digitale Transformation schaffen wollen? Wenn wir uns mit Kunden austauschen, kommt die Sprache schnell auf die technisch angepeilte Lösung. Technisch machbar ist heutzutage vieles. Damit eine technische Lösung aber auch den gewünschten Nutzen bringen kann, muss auch eine Innovationskultur im Unternehmen geschaffen werden. Und wie macht man das? Es geht darum, die richtigen Menschen mit dem richtigen Mindset im Unternehmen zu haben und zu fördern. Am Beispiel der Banken sehen wir aber immer wieder, dass sie vor allem Leute in Führungspositionen haben, die langjährige Erfahrung mit den etablierten Geschäftsmodellen der Branche haben und das besonders gut verstehen, was sie immer schon gemacht haben. Aber so kommt ein Unternehmen in puncto Innovation nicht weiter. Es bräuchte viel mehr Führungskräfte mit dem anderen Mindset: Mutige, Querdenker, solche, die wissen, wie man ein Start-up führt, wie man scheitert und wieder aufsteht und wieder etwas Neues ausprobiert. Viele Unternehmen in der Schweiz sind nicht sehr auf Mut ausgerichtet. Vielmehr geht es um Effizienz, KPIs, darum, die Maschine am Laufen zu halten. Bloss keine Experimente! Bei Innovation geht es aber um Leadership. Es geht darum, eine innovationsfördernde Fehlerkultur vorzuleben. Aber so etwas wie Fehlerkultur gibt es in der Schweiz kaum. Das Gegenteil ist der Fall: Wer Fehler macht, schadet seiner Karriere. Aber Innovation bedeutet, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Das bedeutet es auch bei uns. Ich versuche auch, das vorzuleben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Vertrauen. Wenn man den Menschen nicht vertraut, kommt der Change nicht. Wenn Sie eine Rangliste erstellen müssten, in welchen Branchen eine gute Innovationskultur herrscht, wie wäre die Reihenfolge? Was die Innovationskultur angeht, sind die Telkos und Start-ups am weitesten. Sie sind natürlich auch getrieben durch technologischen Fortschritt und harte Konkurrenz. Im oberen Mittelfeld sehe ich gewisse mittelgrosse Schweizer KMUs im Industriesektor. Sie haben den Vorteil, dass sie nicht zu gross sind, um träge zu werden, aber auch nicht zu klein, und so lange genug Schnauf haben. Sie haben dennoch schlanke Strukturen, sind oft noch inhabergeführt, können schnell entscheiden und wagen Neues. Grossen Aufholbedarf sehe ich bei Versicherungen und Banken. Bei den Banken ist der Druck im Geschäft mit der Vermögensverwaltung noch zu wenig gross. Zudem haben auch die massiven Compliance-Vorschriften und die Regulierung gewisse Innovationen im Keim erstickt. « Damit eine technische Lösung den gewünschten Nutzen bringen kann, muss eine Innovationskultur im Unternehmen geschaffen werden. » Nicolas Durville, CEO, Zühlke 05 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

BEST OF SWISS WEB 2019 WÄHLEN SIE IHREN MASTER OF SWISS WEB! VOM 21. BIS 26. MÄRZ KÖNNEN ALLE NETZTICKER- ABONNENTEN DAS BESTE WEB-PROJEKT DES JAHRES WÄHLEN. NEUE AWARD-KATEGORIE:: DIGITAL COMMERCE WWW.BESTOFSWISSWEB.CH SPONSORS PARTNER MEDIENPARTNER

Archiv